Interview: Marion Cotillard über Verletzlichkeit und Schauspiel als Ausweg

Marion Cotillard ist nicht nur Frankreichs größter Star, sondern auch eine der bekanntesten Schauspielerinnen der Welt. Nachdem sie 2007 den Oscar für ihre mitreißende Darstellung der Edith Piaf in „La Vie en Rose“ gewann, hat die 42-Jährige dem Ruhm in ihrer Heimat gleich noch eine erfolgreiche Hollywood-Karriere mit Rollen in „The Dark Knight Rises“ und „Inception“ hinzugefügt. Im wirklichen Leben ist Cotillard dabei viel ungestümer und unbeschwerter, als man es sich anhand ihrer düsteren Figuren in „Der Geschmack von Rost und Knochen“ oder in „Zwei Tage, eine Nacht“ vielleicht vorstellt. Sie lacht gern und oft, wobei sich ihre Mimik eine Nanosekunde später in nachdenkliche Entrücktheit oder tiefe Trauer verwandeln kann.

Dabei hätte sie vor allem für Letztere keinerlei (berufliche) Gründe. Derzeit dreht Cotillard einen Film nach dem anderen. Ob „Die Frau im Mond“ über „Einfach das Ende der Welt“ und „Allied: Vertraute Fremde“ bis zum Videospiel-Blockbuster „Assassin’s Creed“ sowie „Rock ’n‘ Roll“ – es gibt wenig Chance, die Französin im Kino zu verpassen. Nicht, dass man es überhaupt wollen würde. Bei „Assassin’s Creed“ arbeitete Cotillard nach „Macbeth“ erneut mit Michael Fassbender zusammen. Von Shakespeares vielschichtigster Diva zur Gamer-Amazone in einem 125-Millionen-Dollar-Film, fühlte sie da vor dem green screen nicht etwas, äh, unterfordert?

„Das ist ziemlich paradox, keine Frage, doch das Ziel ist und bleibt jeweils das Erzählen einer Geschichte. Voller Leidenschaft und Kreativität. Der Regisseur Justin Kurzel war zudem der richtige Mann, um einem solch gigantischen Projekt ein menschliches Gesicht zu geben, und Michael (Fassbender) ist ein großartiger Schauspieler, der sich mit Herz und Seele bei allem einbringt, was er tut. Der künstlerische Prozess bleibt somit gleich, nur der Spielplatz sieht völlig anders aus.“

Da könnten Cotillards Rollen in „Einfach das Ende der Welt“, einem Familiendrama unter der Regie des franko-kanadischen Wunderknaben Xavier Dolan, und in „Die Frau im Mond“, wo sie im Zweiten Weltkrieg eine Frau am Rande des Wahnsinns spielt, ein kaum krasseres Kontrastprogramm sein.

Privat bleiben Cotillard bisher größere Dramen erspart, seit 2007 lebt sie mit dem bekannten französischen Schauspieler und Regisseur Guillaume Canet („Kein Sterbenswort“) und dem gemeinsamen Sohn Marcel in Paris.

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Marion Cotillard, Sie sind derzeit in vielen interessanten und sehr unterschiedlichen Filmen zu sehen. Suchen Sie gezielt nach abwechslungsreichen Projekten?
Ich suche nach Rollen, die es mir erlauben, verschiedene emotionale Dimensionen davon zu erforschen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Ich bin Schauspielerin geworden, um Geschichten zu erzählen und in die menschliche Psychologie einzutauchen. Ich liebe das Gefühl, in eine andere Welt versetzt zu werden und den Geist und Körper einer anderen Person zu bewohnen. Wenn ich spiele, vergesse ich alles um mich herum. Es ist schwer zu erklären, aber mein Job ist eine sehr coole Reise.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie inmitten von Tumult und voller Furcht aufgewachsen sind. Hat das ihren Wunsch verstärkt, diese intensiven Gefühle in Ihre Arbeit einzubringen?
Das ist alles sehr kompliziert, wie Sie sich vorstellen können, aber ich war einfach extrem verletzlich als Kind und Jugendliche. Ich erwartete von anderen Menschen, dass sie sich freundlich und rational verhalten, nur um zu entdecken, dass die Welt so nicht gestrickt ist.

Diese Erkenntnis hat mir die ganze Lebensfreude genommen und es war schwer für mich, Freunde zu finden und kontaktfreudig zu sein. Ich hatte immer Angst, das Falsche so zu sagen, und dass die Leute wütend auf mich werden oder einen schlechten Eindruck von mir bekommen könnten. All das machte mich innerlich ruhelos, weil mir ein Weg fehlte, mich ganz frei auszudrücken.

War die Schauspielerei Ihr persönlicher Ausweg aus dem belastenden Dilemma?
Ja, ich konnte dadurch nach und nach all die Ängste und Anspannung loslassen, die sich in mir aufgebaut hatten. Die Schauspielerei hat mir außerdem geholfen, zu verstehen, was Menschen antreibt. Aber es dauerte einige Zeit, bis ich mich innerlich wirklich entspannen konnte und diese verstörende Energie aus mir wich. Heute ist alles so viel leichter.

„Assassin’s Creed“ ist ein echtes Mega-Epos, dabei haben Sie in früheren Interviews gesagt, große Studiofilme nicht sonderlich zu mögen, weil Sie sich zu wenig mit der Handlung verbunden fühlten.
Was ich damit meinte, war, dass ich bei einigen dieser riesigen Produktionen das Gefühl habe, den Regisseur interessiert eher die technische Realisation und weniger die Figuren selbst. Genau so einen brauche ich aber, einen der mich inspiriert und über meine Grenzen pusht. Mit jemandem zu arbeiten, der sich mehr den spektakulären visuellen Landschaften seines Films widmet als den Schauspielern, die darin leben sollen, stelle ich mir nicht sonderlich angenehm vor.

Was war bei „Assassin’s Creed“ so anders?
Alles. Zunächst einmal kenne ich Justin und Michael sehr gut, weil wir gemeinsam sehr intensiv an „Macbeth“ gearbeitet haben. Bei Justin konnte ich mich darauf verlassen, dass er die menschlichen Gefühlswelten, Herz und Seele der Charaktere ebenso erforschen wird wie die Fantasiewelt, in der wir uns bewegten. Schließlich geht es immer um ganz essentielle Fragen: Was bedeutet es, zu leben – und wir gehen wir mit anderen Menschen um. Das ist die Essenz

Es spielt also keine Rolle, ob es sich um ein Schloss in Dänemark oder um eine Phantasiewelt handelt, Sie beschäftigen sich immer noch mit grundlegenden Fragen darüber, was es bedeutet, lebendig zu sein und wie Sie mit anderen Menschen umgehen. Es ist die Essenz des Lebens.

Wie war es, erneut mit Michael Fassbender zu arbeiten?
Wir waren beide begeistert von der Idee, zusammen an diesem Projekt zu arbeiten, das sich nicht deutlicher von dem düsteren, anstrengenden Stoff in „Macbeth“ hätte unterscheiden können. Michael ist für mich einer der besten Schauspieler der Welt, und es ist aufregend mit jemandem zu arbeiten, der für einen Film alles gibt. Ich bin ganz genauso gepolt. Außerdem waren wir sehr neugierig, wieder unter Justins Regie zuarbeiten, weil er ebenso viel Engagement mitbringt.

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Haben Sie jemals Filme gedreht, bei denen sie keinen so guten Draht zu den Kollegen am Set hatten?
Ja, und das fühlt sich schrecklich an. Deshalb bin ich auch so vorsichtig, das nächste Projekt auszuwählen, vor allem den Regisseur oder die Regisseurin.

Ein anderer Ihrer neueren Filme ist „Einfach das Ende der Welt“, bei dem Xavier Dolan Regie führte und das Drehbuch schrieb. Er gilt als echtes Ausnahmetalent der Branche …
Xavier und ich sind wie Seelenverwandte. Er möchte am Set eine sehr intensive und engmaschige Atmosphäre schaffen und hat eine einzigartige Arbeitsweise. Xavier redet während einer Szene mit dir oder er lässt im Hintergrund eine bestimmte Musik laufen, alles, um dich mit deinem Spiel dorthin zu bringen, wo er dich haben will.

Das klingt spannend – und nach einer echten Herausforderung.
Die Handlung dieses Familiendramas an sich ist schon anstrengend. Ständig wird gestritten, es gibt heikle Situationen zwischen den Personen und die Dialoge werden wie Gewehrsalven abgeschossen. Zudem ist Catherine, also meine Rolle, ziemlich nervös und verwirrt. Ich musste also hart arbeiten, um mich einerseits an meinen Text zu erinnern und trotzdem so natürlich wie möglich zu spielen. Ich freue mich aber ungemein auf solche Erfahrungen, die mich prüfen und aus meiner comfort zone katapultieren. Man stellt sich als Schauspielerin seinen Ängsten, dem Stoff oder den Erwartungen eines Regisseurs nicht gerecht zu werden, und darf – wenn alles gut geht – die Genugtuung genießen, sie besiegt zu haben.

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Sie haben mehr erreicht, als die meisten Menschen in Ihrem Beruf je erleben werden. Machen der Erfolg und Auszeichnungen wie der Oscar es angenehmer für Sie, mit Ihrer Bekanntheit umzugehen?
Ich bin immer noch sehr schüchtern, gerate aber nicht in Panik, wenn Leute in der Öffentlichkeit auf mich zukommen. Ich kann in diesen Situationen heute viel leichter sprechen als früher. Mich auf der Titelseite eines Magazins oder einem Filmplakat zu sehen, dass fällt mit jedoch immer noch schwer.

Ich bin niemand, der den Glamour, die roten Teppiche und all das wirklich genießt. Das einzige, was ich wirklich von diesem Beruf wollte, war die Anerkennung meiner Arbeit. Aber selbst das machte mich anfangs unbehaglich, weil ich bezweifelte, dass all die Aufmerksamkeit und Liebe wildfremder Menschen gesund für mich wäre. Mittlerweile weiß ich, dass das Interesse und die Zuneigung der Leute für dass, was ich von mir in eine Figur und Geschichte einfließen lasse, ein Teil des Wunsches ist, überhaupt Schauspieler zu sein.

Wenn man an Ihre schwierige Kindheit und das Hadern mit mancher Seite der Filmbranche denkt – fühlen Sie sich grundsätzlich wohler heute?
Ich nehme die Dinge philosophischer als vorher. Ich fühle auch den Komfort und die Liebe, die damit verbunden sind, meine eigene Familie zu haben und Mutter zu sein. Ich verspüre generell weniger Druck, mich ständig zu beweisen, und ich denke, das macht mein Leben viel einfacher und ruhiger. Nur manchmal da wünsche ich mir, ich könnte ebenso selbstbewusst sein, wenn ich eine Rolle spiele.

Foto: Doug Peters / via InterviewHub