Ärgere dich nicht: Wie man mit störenden Gefühlen umgeht

Was passiert in uns, wenn wir wütend werden? Und warum ist es so fatal, sich in Konfliktsituationen als passives Opfer der Umstände zu sehen? Antworten gibt Thubten Chodron, buddhistische Nonne und Autorin



Sind Sie auch immer lieb und nett, geradezu unschuldig, und meinen es stets gut? Und wenn Sie doch aus der Haut fahren, zornig werden, sind die anderen schuld, weil sie Ihre Außergewöhnlichkeit nicht zu schätzen wissen, stimmt’s? Die anderen sind es, bei denen wir uns mit Ärger anstecken wie mit Schnupfen in der U-Bahn. Wir haben mit Schimpftiraden und Wortgefechten nichts zu tun. Deshalb sagen wir: „Du machst mich ärgerlich.“

Ärger ist dabei nur der Oberbegriff für eine Reihe negativer Gefühle: Frustration, Gereiztheit, Gehässigkeit … Seltsam eigentlich, dass wir für Liebe und Mitgefühl viel weniger Synonyme besitzen. Ein Beispiel: Sie haben einen Termin oder eine wichtige Aufgabe vergessen. Ihr Gegenüber reagiert enttäuscht: „Du bist total unzuverlässig.“ Ihr Blutdruck nähert sich daraufhin der 180er-Marke. Dabei ist objektiv betrachtet nur Folgendes passiert: Es wurden Schallwellen erzeugt, von unserem Gehör entziffert, als Information ans Gehirn weitergeleitet – und dort mächtig aufgebauscht. Ergebnis: Wir fühlen uns verletzt.

„Was fällt ihm oder ihr ein, warum schätzt uns keiner, will jeder uns runtermachen?“ Wir gehen in die Offensive. „Du spinnst“, entgegnen wir erbost. So geht die emotionale Kettenreaktion weiter, bis wir des Schreiens müde werden und die Tür hinter uns zuknallen. Rückzug, vielleicht schluchzend aufs Bett. Weil uns ja niemand versteht. Insgeheim zählen wir die Minuten, bis unser Gegner mit einem „Verzeih mir“ auf den Lippen hereinkommt.

Erkennen Sie sich in diesem Szenario wieder? Was also ist Ärger? Das, was in unserem Kopf passiert. Wir übertreiben die schlechten Aspekte einer Person oder Situation heillos und gehen entweder zum Angriff über oder fliehen. Dabei fühlen wir uns 100-prozentig im Recht. Würden wir nicht aufbrausen, reden wir uns ein, trampelten andere auf uns he- rum. Erfahrungen vielleicht, die wir früher gemacht haben. Das Problem: Unser Gehirn ist geradezu süchtig nach ausgedachten Dramen. Unserer Interpretation, warum andere sich so verhalten, was sie denken – und wie sie uns das Leben schwer machen wollen. Angeblich. In Wahrheit wissen wir nichts von ihren Sorgen und Bedürfnissen. Wir glauben an eine Fiktion und folgen Zorn statt Mitgefühl.

Ich selbst halte in solchen Momenten bewusst inne und frage mich: „Warum bist du wütend?“ Wenn ich darauf vage mit „Weil er das gemacht hat. Außerdem das. Und vor fünf Jahren noch das“ antworte, wiederhole ich die Frage. Bis mir klar wird, dass ich die Quelle meines Ärgers bin und dafür verantwortlich.

Lesetipp:

Es ist dein Ärger Thubten Chodron

In „Es ist dein Ärger“ zeigt Thubten Chodron viele weitere Wege auf, sich von plagenden negativen Emotionen wie Wut, Neid und Eifersucht zu befreien. Das Buch ist im Theseus Verlag erschienen und kostet circa 20 Euro.

Thubten Chodron (*1950 in Chicago) ist eine tibetisch-buddhistische Äbtissin und Dharma-Lehrerin. Sie studierte jahrelang in Indien und Nepal, u. a. bei S. H. dem Dalai Lama. Als eine von nur wenigen westlichen Frauen wurde sie 1986 in Taiwan als Bhikkhuni voll ordiniert. 2003 gründete sie das Kloster Sravasti Abbey in Newport, Washington. Weitere Infos und Videos auf thubtenchodron.org.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags von Thubten Chodron im Rahmen des Besuchs des Dalai Lama in Hamburg im August 2014; Übersetzung: Siems Luckwaldt

Fotos: SplitShire.com/Daniel Nanescu; Theseus Verlag

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