„Styx: Die Reise beginnt“ von Christa Ritter (exklusive Leseprobe)

Lesen ist Veränderung. Diesen Untertitel haben wir unserem Magazin gegeben. Weil das einerseits aussagt, was wir in jeder Ausgabe zusammentragen wollen: die Geschichten von Menschen, die sich verändern wollen, bisher Geglaubtes auf die Probe stellen, Krisen meistern müssen, unsere Welt ein Stück voranbringen, lebenswerter gestalten wollen. Für die meisten begann diese Reise mit einer Zäsur, so wie es die Interviewpartner unserer Online-Serie „The Moment“ beschreiben. Auch die Filmemacherin und Autorin Christa Ritter ließ Enough-Leser dort bereits ein Stück weit in ihre Seele blicken, nahm uns mit zu Nahtstellen ihres Lebens. Ein bewegender Beitrag, den wir allen gern noch einmal zur Lektüre ans Herz legen wollen.

Als besonderes Geschenk an unsere wachsende Community hat Christa Ritter uns ein Kapitel ihres bewegenden, emotional brachialen und schonungslos ehrlichen E-Books „Styx: Die Reise beginnt“ als Leseprobe zur Verfügung gestellt. Es beschreibt als roten Faden einen Indientrip des „Harems“ um Rainer Langhans, zu dem auch Christa Ritter gehört.

Geplant als letzte Odyssee für die schwerkranke Jutta XXX wird daraus eine von den äußeren Reizen Indiens angeregte Selbstfindung der „Urlauber“. Und für den Leser, das wird schon nach diesen paar Seiten for free klar. „Styx: Die Reise beginnt“ ist bei Amazon als E-Book erhältlich und unterstreicht das Enough-Motto: Lesen ist Veränderung in bestmöglicher Weise.

„Immer wieder tot schlagen! Wie die Furien ackerten wir in unserem Labor der Selbsterfindung, dem Münchner Harem, und vernichteten über die letzten Jahrzehnte alles, was uns vom richtigen Leben abhielt. Nur gefühlt alles: Denn alles muss raus! Motto: Bei uns werden keine Zärtlichkeiten ausgetauscht, sondern Grobheiten. Denn wenn eine Frau aus der Komfort-Zone ins Himmelreich will, muss auch sie durch die Hölle gehen. Vorwärts Sterben lernen der Liebe wegen. Oder so.

Jutta’s Krebs ist zurück. Diesmal nicht wie vor zehn Jahren als Brust- sondern als fortgeschrittener Knochenkrebs. Warum meine Harems-Sista, warum überhaupt, was will ihr der Krebs sagen? Was bedeutet diese tödliche Zellen-Explosion auch für mich? Plötzlich war Jutta entschlossen: nach Indien reisen, um zurück zum größeren Leben zu finden. Rainer an ihrer Seite, Brigitte und ich als ihre Sterbebegleiterinnen. New Delhi: Der Ameisenhaufen Indien scheint in seinem Widerspruch von Himmel und Hölle die reale Welt im Miniformat ganz direkt und verstörend schonungslos abzubilden. Als Lebensrad der Illusionen aus Hoffnung und Qual: Arm und Reich unmittelbar nebeneinander. Ein Rolls neben dem Lepra kranken Bettler, ein 5-Sterne Hotel, daneben Hüttenruinen, bedeckt von zerfetzten Lumpen. Alles schillert doppeldeutig: Das Luxus-Hotel erscheint wie ein hässliches Versprechen, die Hütte als erleuchtete Bescheidenheit. Neonbelichtetes Take-Away Sweet Dreams Lokal neben einem uralten, zerbeulten Alu-Trog auf einem dreibeinigen Stuhl schwankend , in dem Chai für die Nachbarschaft (nur Männer!) stundenlang geköchelt wird. Jutta: Mit uns finde ich es schon jetzt verdammt schwierig. Immer bin ich der Trottel, der vorgeführt werden soll. Diese ständige Konkurrenz unter uns: Ich sitze gestern mit meinem kaputten Rücken im Taxi eingequetscht oder kann hinter allen nur mühsam her trotten. Niemand hilft mir. Weißt du, Rainer, dass du so ein Arschloch bist? Ich will mit dir schon jetzt nichts mehr zu tun haben. Ich will dich auch nicht dauernd anheulen mit sowas wie lieb mich doch auch. Fuck off, Scheiße, geh weg, mir ist das so arschegal! Es reicht mir total. Wo ward ihr in all den letzten Jahren mal trans-pa-rent? Ich bin sehr krank und versuche, damit irgendwie zu leben, erwarte aber von euch auch etwas Hilfe. Dass zum Beispiel Rainer mal zu mir kommt und nicht nur mit Brigitte hinten rum tuschelt. Christa, ich gebe dir nachher mal ein paar Vitamine, damit deine Erkältung nicht noch schlimmer wird. Ich: Ich habe mir vorhin Tee geholt, wollte keine Lungenentzündung riskieren. Daher geht es mir schon ein bisschen besser. Jutta: Gleich besorgen wir vom Markt noch Zitronen zum Ausquetschen… Rainer: Mich überrascht nicht, was du jetzt hier wieder abziehst. Du kannst dich doch einfach mal bewegen. Jutta: Ich habe so eine Wut, dass ich am liebsten ein Brett nähme, um es dir und Brigitte über den Kopf zu hauen. Dass ich das nicht tue, ist schon eine Bewegung. Rainer: Ja, genau… Jutta: Die Frage ist: Warum bewege ich mich nicht woanders hin? Rainer: Genau, du führst seit Jahrzehnten ein Leben mit deiner Schwester, zusammen essen und Schuhe schnüren und… Dein Krebs signalisiert aber etwas anderes: Dass es dir ernst ist, dass du etwas verändern willst, der Krebs ist also widervernünftig, oder? Jutta: Das klingt so Scheiße. Den Krebs hast du mir wirklich eingebrockt, das weiß ich ganz genau. Rainer: Der Krebs ist aus deiner Hoffnung auf ein anderes Leben entstanden. Jutta: Nein, weil du mich so entsetzlich verlassen hast. Und dich das auch nicht im Geringsten gekratzt hat, was du mir da angetan hast. Ich bin deshalb so böse, das ist einfach schrecklich. Ich: Böse, böse, böse… Jutta: Ich habe keinen Fatz Liebe in mir. Ich könnte euch auf den Mond schießen.

Der alte Mann und Rainer scheinen um die Liebe desselben Meisters, die höchste Liebe zu wissen. Die höchste? Sie schauen sich im Innenhof des Ashram in die Augen und Tränen fließen. Auch ich muss weinen. Das Leben ist in einer eigenartigen Schwebe, so scheint mir, alles hinter der täglichen Gewalt ständig in liebender Bewegung auf etwas Eigentliches hin. So etwas wie ein Nichts? Meine Unsicherheit auf diesem mühsamen Weg ins Unbekannte ist also realer als die behauptete Sicherheit auf dem Trampelpfad, mit dem ich mich noch immer häufig identifiziere?

Im Haldiram ist es wohl immer voll, hoher Umsatz, du isst in dieser Fastfood-Kette aus Plastikgeschirr, aber kein verkochtes altes Zeug. Besonders gut für empfindliche westliche Mägen. Abends fällt mein Mail-Account im Hotel aus und ich gerate in Panik. Keine Mails, weder raus, noch rein. Verdammt. Was ist los? Mit meinem Netbook renne ich von Zimmer zu Zimmer, zuletzt zu den Jungs eine Etage tiefer. Vorerst ist keine Lösung in Sicht. Ausfallende Technik verursacht bei mir leicht einen depressiven Anfall: Ich kriege die verdammte Welt nicht hin, ich kriege mich nicht hin! Loser! Wie gehetzt versuche ich, das Gerät wieder ins Laufen zu kriegen und alles wird nur immer schlimmer. Schließlich gebe ich auf und tröste mich mit einem herrlichen Abendessen: Papaja, Orangen, getrocknete Aprikosen, Physalis, Cashews, Pistazien, Mango, Banane, grüne und blaue Rosinen, Mangostan, Granatapfel für alle. Wir schwelgen. Schreiben, aufladen der Geräte, duschen, schlafen. Schnarchen irgendwann. Und Lüfte, wegen des späten Frucht-Diners.

In der Altstadt: Übereinander geschichtete, nein geklebte, dann in der Luft verankerte Bauteile, alte wie neue, die sich als Lehm, Marmor oder Beton miteinander anfreunden mussten, wie es den erfinderischen Maurern gerade passte. Ein paar Knäuel Kabel wurden irgendwie mehrfach und im Kreuzstich in die Richtung der Dächer geworfen, ich vermute, vom Monsun unterstützt und dann hat so ein wilder Typ mit eng anliegendem schwarzen Turbanstrumpf und flackerndem Blick die Kabelenden mit seinen spitzen Zähnen zusammen gebissen. Pfuitt! Und schon hatten sie Strom, diese Wahnsinnigen, die hier in den Irgendwie-Häusern wohnen. Wir verschwinden in eine enge, etwa drei Meter breite Seitengasse, weg vom Boulevard mit seinen Müllhaufen. Ich habe den Abfall um Chandni Chowk genau gesehen: Dal- und Gemüsereste, deren sich nicht einmal eine heilige Kuh oder ein räudiger Hund erbarmt hatte, zwischen verkohlten Gummireifenstücken und zertretenen Gebetsblumen, verrosteten Eisenteilen und verklebtem Zeitungspapier. Die Gasse durch den alten Bazar ist so schmal, dass wir hintereinander laufen müssen. Moped-Artisten und Handkarren, übervoll mit Granatäpfeln, Blumenketten und jeder Sorte Bananen. Goldschmuck neben Elektroschrott. Es duftet nach Weihrauch, Zimt, Seife, verbranntem Plastikmüll und schweren Lilien, Kerosin und Rosenwasser. Blass lehnt sich Brigitte in einen Hauseingang, hält sich den Schal vor die Nase. Duft oder Gestank, das ist die Frage. Atemlos drängelt es hinter und vor uns. Ich springe zur Seite, stürze fast, erwische ein Stück Mauer, halte mich fest. Überhaupt: Immerzu hupt oder klingelt auf indischen Straßen irgendein Gefährt. Unaufhörlich, nervig ohne Ende, aber offenbar zu aller Menschen Vergnügen.

Aus der alten Körper-Matrix führt der Weg zunehmend in etwas Ungewisses, ein unendlicher, fließender Übergang. Die Styx als Wasser des Grauens und der Schönheit. Jutta stolpert fast über eine sterbende Ratte, die Menschen starren uns unverwandt an, selten scheinen in diesen verwackelten alten Mauern Europäer aufzutauchen. Brigitte schaut gepanikt, sie könnte kotzen, sagt sie und will nur noch raus aus dieser Hölle. Sie ist blass und verzieht gequält ihr Gesicht. Hier sei es schmutzig und hässlich. Jutta wirkt eher munter, fotografiert, beobachtet. Auch mir geht es gut, ich find’s wunderschön, aufregend, lebendig, ich fühle mich richtiger, irgendwie entfesselt auf dieser Nachtmeerfahrt, gleichzeitig fröhlich schwebend, obwohl mir die Beine langsam sehr weh tun. Ich streichle noch hastig das zarte Maul einer weißen (heiligen) Kuh am Straßenrand und schon stehe ich gerade mal auf den Zehen zwischen hin- und her schwankenden Menschen in einer voll gestopften U-Bahn, gebe beim Umsteigen jeden Halt auf und mich dieser treibenden Masse hin, mit ihnen zuversichtlich schubsend, quetschend, um beim nächsten Halt, meine verlorenen Leute suchend, an die rettende Oberfläche des unterstädtischen Molochs zu hetzen. Endlich oben frische Luft schnappen, wenn auch versetzt mit scharfem Smog. Ihr könnt euch vorstellen, wie wunderbar beruhigend mir nach solchen körpernahen Ausflügen mein weiches Bett erscheint. Vorher aber noch: Lauwarmes Duschen, frische Früchte usw.

Jutta: Nicht mein Krebs, dass du schlafen kannst, ist unser Hauptthema. Brigitte: Das ist auch wichtig! Jutta: Aber dass ich vor Schmerzen keinen Schlaf kriege, kratzt keine Sau. Guck nicht rum, sondern besorge mir mal ein Bügeleisen. Dafür bist du mit, um mich zu unterstützen. Bisher geht es nur darum, dass du gepflegt wirst. Aber ich bin die Kranke und ich habe dich mitgenommen, weil ich jemanden brauche, der mich auffängt. Brigitte: Der dir ein Bügeleisen besorgt. Jutta: Es ist hier alles furchtbar und schön und schrecklich zugleich. Rainer hat Durchfall und Gisela meldet sich am Smartphone aus Kalifornien: Aha, dann steckt ihr euch vermutlich an. Jutta: Nee, überhaupt nicht. Brigitte: Wir essen ja keine Krümel von einem indischen Boden vor einem indischen Restaurant. Jutta: Rainer fiel gestern wirklich in der schlimmsten Gegend, die du dir vorstellen kannst, sein Eis runter auf den Boden. Das musste er natürlich wieder aufheben und sich in den Mund stecken. Ich: Hab auch schlecht geschlafen, bin heute früh ein bisschen genervt. Von der ungewohnten Nacht mit einem völlig in sich gekehrten Mann neben mir, der auch noch mit heftigen Durchfall-Attacken jede viertel Stunde ins Badezimmer stürzt und Flüssiges raus donnert. Und außerdem die beiden anderen Frauen. Sind Frauen nicht furchtbar, Gisela? Entsetzlich. Jutta: Nur du nicht. Ich: Das Deprimierende ist, ich bin eine davon.

Inzwischen in Varanasi, der Stadt der Toten: Zwischen den Geschäftigen werden neben mir in Tücher eingewickelte Tote transportiert, begleitet von Musikanten und Sängern, lachen Kinder, kacken heilige Kühe und weniger heilige Ziegen, ist überhaupt der Teufel los. Oder haben wir das Diesseits längst hinter uns gelassen und sind gar in die Nähe Gottes geraten? In beiden Vehikeln saßen wir überbesetzt: Dany vorn neben dem Fahrer fast auf der Gangschaltung, drei von uns hinten auf der Sitzbank, die aber nur für zwei gebaut ist. Klar, alle Inder fahren überbesetzt. Unser zweites Tuk-Tuk sah nicht anders aus. Wir schlängelten uns völlig unbeirrt zwischen sperrigen Ochsenkarren, Hunden (auch viele!), Taxis, LKWs (oft turmartig mit Warenballen überladen), klingelnden Fahrrädern, hupenden Motorrädern, Fahrradrikschas, Diesel stinkenden Bussen, von rechts nach links einbiegend, überquerend, rückwärts als Geisterfahrer, dazwischen Bettler, die uns ihre Hände entgegen streckten, Schulkinder in Uniformen, die uns anlachten oder neugierig beobachteten. Auf den Schoß unseres Fahrers sprang plötzlich ein Polizist (so mitzufahren ist verboten!), im Sprung checkte er, dass dort auf der Gangschaltung schon Dany saß, er drehte sich schnell noch im Sprung, eine Pirouette drehend, geschickt zur Seite und landete grimmig zurück auf der Straße. Ein Varanasi-Loup! Puh! Did you see this? Balwinder turned her head asking about the flying police-man. Yes we did! Oder: Kung Fu in Varanasi? Wir lachten und rangen nach Luft, als wir am ersten Ghat unserer Himmelfahrt einliefen.

Ich kenne nur wenige Frauen, die sich trauen, wirklich ins Unbekannte ihrer tiefen Lieblosigkeit hinein zu schauen, ihr Inneres mit all dem Hässlichen zu erforschen und es ins Licht zu holen, sage ich. Brigitte war schon seit gestern Abend in heftige Eifersuchtsgefühle abgetaucht und vereiste zusehends weiter. Jede litt auf ihre Weise: Nicht genug Aufmerksamkeit, Zuneigung, Resonanz. Alte Verlassensängste meldeten sich als Attacken der Boshaftigkeit: Eh du es merkst, rasen sie wieder in dir, du stürzt mitten ins schwarze Loch. Jede will als Einzige konditionslos geliebt werden. Ich auch!

Brigitte: Hör auf mit der alten Scheiße, lass uns einen neuen Ansatz finden. Jutta: Nein, ich will keinen Ansatz finden. Schon neben den Toten habe ich gedacht: Hoffentlich fährt sie endlich. Brigitte: Da siehste mal, das ist doch wenigstens ehrlich. Jutta: Ich bin dauernd ehrlich, nur du bist es nicht. Es interessiert dich null, was ich mache. Brigitte: Dieses uralte Gekeife ödet mich an. Kannst du mal aufhören? Jutta: Nein, ich mäßige mich überhaupt nicht mehr. Ich habe mich jetzt dreißig Jahre gemäßigt. Kurz vor meinem Tod werde ich mich null mäßigen, null! Ich: Jutta, hör auf mit deiner Opfer-Arie, die macht dich noch kränker. Und sie kotzt mich an! Jutta: Null werde ich mich mäßigen, null! Mir scheißegal!

Diese Hölle mangelnder Selbstwahrnehmung will sich auf dieser Höllenfahrt erlösen. Toben, Stille, die Illusion des Mangels hat sich verflüchtigt. So wird aus unseren häufigen Encounter Schritt um Schritt ein wenig Liebe, Freundlichkeit, Zärtlichkeit. Seit fast 40 Jahren läuft dieser Harems-Prozess in vielen Facetten bei jeder von uns. Eine lange Zeit der Suche als vielleicht das einzig Wahre, um aus der Opfer-Projektion und alltäglicher Gewalt Schritt um Schritt raus zu finden. Wenn wir nicht hinter allem Geschrei zuversichtlich wären, hätte sich jede möglicherweise längst wieder an eine tröstende Schulter der klassischen Versorgung gelehnt. Nach dem Motto der alten Matrix: Die Frau an seiner Seite. Nie und nimmer!

Jutta: Warum akzeptiere ich mich nicht so, wie ich bin? Ich kann keine Heilige werden, nicht den Krebs in einem Amoklauf besiegen, nicht erzwingen, dass mich irgend jemand liebt, nicht verlangen, dass die Frauen sich über die Reise freuen, dass sie mich als Gegengeschäft lieben, dass auch Rainer mich liebt oder meine Schwester oder Gott. Nichts geht mehr. Und langsam fühlt sich das schön an. Manchmal ganz friedlich. Ich muss nichts erreichen! Rainer und ich liegen wie zwei dahingeworfene Puppen auf dem Bett und halten unsere Hände. Es wird ein ganz behutsames Streicheln. Ich bin erstaunt. Ganz langsam, ganz bewusst, wie beim ersten Mal, erkundende Küsse, zartes Streicheln. Ich bin nackt, braun und dünn und mir fehlt eine Brust. Aber das bedeutet nichts, alles ist schön, exquisit und sehr hell und offen. Alles ist unbekannt. Ich kenne den Mann da gar nicht, dieses schöne, fremde Wesen auf meinem Bett. Aber irgendwie leuchtet er, so 3D mäßig, ganz detailliert und real und das bin ich auch. Warum mache ich dauernd davor die Augen zu? Warum habe ich soviel Angst vor der Liebe? Weil es dann kein Zurück gibt? Weil sie so saugefährlich ist? Weil sie geteilt sein will und nichts zum Festhalten ist? Ich weiß es doch eigentlich. Warum nur bin ich so wahnsinnig dumm? In diesem Moment habe ich keine Angst mehr. Es ist nicht leicht, dich zu lieben, sage ich zu Rainer. Och sagt, Rainer, finde ich eigentlich nicht…es ist nicht mehr so schwer… eigentlich…. Ich frage ihn, ob ich mich auf ihn legen kann und ob ihn meine Vernarbung der entfernten Brust nicht stört. Er findet sie auch eigenartig, aber mit seinen rauen Händen streicht er darüber. Es ist so still hier im Zimmer. Im Auge des Hurrikans: Keine Angst, keine Hetze. Ich lege mich wieder neben ihn. Streichle ihn ganz langsam. Dann zuckt Rainer zusammen. Das wolle er nicht, ein wenig Samenerguss, zu weit gegangen, zu wenig achtsam, irgendwo doch über die Grenze. Er beherrscht sich mit aller Kraft. Ich spüre seine Enttäuschung.

Nach sieben Wochen zurück in München: Ich blinzle hinaus in den grauen Nebel. Wie langweilig diese Stadt wirkt, dieses Paradies Wohlstands-Depressiver. War mein Leben der letzten Jahre entsprechend verschlafen? Überversorgt im Ruhestand? Deutschland, was bist du für eine graue Maus! Ich muss lächeln: Die graue Maus bin ich. Nicht bunt, indisch, laut, schmutzig und wild. Wie kann ich indisches Sterben um zu leben auf mein bequemes Sofa übertragen?“

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