Blood & Oil: Warum Palmöl zu unseren größten Umweltsünden zählt

Der Palmölanbau treibt den Orang-Utan in die Ausrottung. Du entscheidest mit, ob es soweit kommt

Aya ist etwa acht Jahre alt, als Michelle Desilets ihr zum ersten Mal begegnet, aber sie sieht kaum älter aus als vier. Sie ist unterernährt, ihre Beine sind gelähmt, ihre Füße verformt, so dass die Sohlen nach oben zeigen. Ihr bisheriges Leben verbrachte sie in einer Kiste, in der sie sich nicht ausstrecken oder aufstehen konnte. Aya ist ein Orang-Utan. Als sie 2010 im Nyaru Menteng Orangutan Reintroduction Project in Zentralkalimantan, Borneo, abgegeben wird, fängt sie ganz von vorne an. Durch liebevolle Pflege und tägliche Physiotherapie lernt sie, sich auf Knien und Ellenbogen fortzubewegen. Inzwischen kommt sie hin, wo sie hin will. Und sie lacht. Viel.

Geschichten wie diese helfen Michelle Desilets, Direktorin des Orangutan Land Trust, endlose Verhandlungen mit Konzernmanagern und Politikern durchzuhalten. Von den Wolkenkratzern Kuala Lumpurs, Jakartas oder Singapurs aus verteidigt sie den indonesischen Regenwald, in dem die roten Menschenaffen leben, gegen die wirtschaftlichen Interessen des aufstrebenden Inselstaates. Im Zentrum der Diskussion steht: Palmöl.

Die Früchte der Ölpalme nach der Ernte

Das schmutzige Geschäft mit Palmöl

Es ist das meistgenutzte Öl weltweit. In Afrika und Asien ist Palmöl das wichtigste Speiseöl, in den westlichen Ländern wird es dagegen industriell genutzt. Es ist hitzestabil, muss nicht gehärtet werden und hat eine Fettsäurezusammensetzung, die es als Zusatz in Lebensmitteln, Kosmetik, Reinigungsmitteln und Tiernahrung ausgesprochen attraktiv macht. Jedes zweite Supermarkt-Produkt enthält das rote Öl. Und da es ein nachwachsender Rohstoff ist, landet Palmöl auch als Biosprit im Tank sowie in der Strom- und Wärmeproduktion. Doch „nachwachsend“ ist relativ, denn wo Ölpalmen stehen, wuchs vorher etwas anderes. 

Allein Europa verbraucht nach Zahlen des Forum für Nachhaltiges Palmöl (FONAP) 8,5 Millionen Tonnen Palmöl pro Jahr, knapp ein Fünftel der Weltproduktion. Die Ölpalme gedeiht bei uns aber nicht, sie braucht tropisches Klima. Rund 15 Prozent des Palmöls kommen aus Südamerika und Westafrika, der gesamte Rest wird gegenwärtig in Indonesien und Malaysia angebaut, auf Orang-Utan-Terrain. 

700 000 Hektar tropischer Regenwald pro Jahr sind laut FAO zwischen 1990 und 2010 allein in Indonesien vernichtet worden, angetrieben hauptsächlich durch die Palmöl- und Papierindustrie. Und das ist nicht nur deshalb ein Problem, weil es zufällig einen nahen Verwandten von uns Menschen in die Enge treibt. Die tropischen Regenwälder beherbergen die größte vorstellbare Vielfalt an Leben überhaupt und in den Urwaldriesen sind gigantische Mengen Kohlenstoff gebunden.

Da Anzünden die günstigste Methode der Rodung ist, verbrennt ein großer Teil der Pflanzen (und Tiere) einfach. Dabei gelangt der Kohlenstoff in Form von CO2 in die Atmosphäre und verstärkt den Klimawandel. Dazu kommt, dass Teile der Wälder auf Torfböden stehen, die mit verbrennen und über Jahrtausende hinweg fixierten Kohlenstoff freigeben. Im El Niño-Jahr 2015 überstiegen die Emissionen durch indonesische Waldbrände zeitweise die der gesamten US-Wirtschaft. Die Orang-Utans, seit Juli offiziell „vom Aussterben bedroht“, sind zum Symbol einer konsumgetriebenen Katastrophe geworden.

Palmölplantage auf Sumatra, Indonesien Foto: James Morgan / WWF International

Palmöl: Wie lösen wir das Problem?

„Wir sollten aufhören, Nutella zu essen“, erklärte die französische Umweltministerin im vergangenen Sommer, weil die Schokocreme Palmöl enthält. Mutig, oder? Der Shitstorm, der über die Politikerin hernieder ging, zerrte das Thema kurzfristig ins Licht der Öffentlichkeit, das Statement an sich nahm sie aber schnell zurück. So einfach ist es nämlich nicht. „Auf Palmöl zu verzichten und einfach andere Fette zu verwenden, verschiebt das Problem meist nur“, sagt die Palmöl-Expertin des WWF, Ilka Petersen. Die Ölpalme erzielt einen höheren Ertrag pro Hektar als jede andere Ölpflanze.

Würde man das Palmöl durch anderes Pflanzenöl ersetzen, bräuchte man dafür ein Vielfaches an Fläche. „Raps und Sonnenblumen könnte man aber in die heimische Fruchtfolge integrieren, statt dafür Regenwald zu roden“, gibt Sven Selbert, zuständig für das Thema Tropenwald bei Robin Wood, zu bedenken. Er hält einen Aufruf zum Boykott von liebgewonnenen Schleckereien aus einem anderen Grund für nicht zielführend: „Die Hälfte des Palmöls wird als Biokraftstoff verheizt. Wer die Zerstörung des Regenwaldes stoppen will, muss an der Energiepolitik ansetzen!“ 

RSPO-Palmöl: Eine wirkliche Alternative?

Das Thema Palmöl ist vielschichtig, undurchsichtig und es wird vom ganz großen Geld dominiert. Trotzdem bewegt sich etwas. Ein bisschen. Der Round Table of Sustainable Palm Oil (RSPO) hat Kriterien entwickelt, die die Anbaubedingungen verbessern und mehr Transparenz in den Markt bringen sollen. Die Standards verbieten, Primärwald zu roden, ursprünglichen Urwald also, oder Sekundärwald, in dem bedrohte Arten leben. 17 Prozent der globalen Produktionsmenge werden aktuell danach zertifiziert.

Robin Wood sieht den RSPO trotzdem eher als Teil des Problems, weil der Anbau auf Torfmoorflächen nicht ausgeschlossen wird, Pestizide wie das hochgiftige Paraquat erlaubt bleiben und Mitglieder keine Verpflichtung eingehen, ihre gesamte Produktionslinie umzustellen. Zudem scheint Panschen branchenüblich: „Da die Rückverfolgung des Öls bis zur Plantage beim RSPO nur eine Option ist, ist eine Vermischung von zertifiziertem und konventionellem Öl auf dem Produktionsweg völlig unproblematisch“, erklärt Sven Selbert. Michelle Desilets weiß das alles, hält den RSPO aber dennoch für „eine Verbesserung gegenüber dem „business as usual“. Allein die Tatsache, dass er rund 3000 Mitglieder weltweit hat, zu denen auch die größten Produzenten, Händler und Käufer von Palmöl gehören, könne, zumindest hofft sie das, den Markt umkrempeln. Einen Ansatz, den auch Robin Wood gelten lässt, bietet die Palm Oil Innovators Group (POIG). Nach ihren Kriterien sind Torf und Paraquat verboten, Rückverfolgbarkeit und Umstellung der gesamten Produktion dagegen verpflichtend. Neben Greenpeace und einigen anderen sitzen Michelle und der WWF auch hier mit am Tisch; der Nutella-Hersteller Ferrero übrigens auch.

Michelle Desilets mit gereteten Orang-Utans

Die Opfer des Palmöl-Booms

Michelles Engagement für den Regenwald beginnt 1994 als freiwillige Helferin in einem Nationalpark auf der Insel Borneo. „Ein bisschen Egoismus war auch dabei“, erinnert sie sich. „Das warme, flauschige Gefühl, wenn sich fünf Affenbabys zum Schlafen um einen kuscheln, ist wunderbar.“ Im Park lernt sie Lone Droscher Nielsen kennen und hilft ihr 1997 dabei, eine eigene Pflege- und Aufzuchtstation zu gründen, das Nyaru Menteng-Projekt, in dem auch Aya lebt. Um mehr Mittel für Nyaru Menteng zu organisieren, ruft Michelle parallel BOS (Borneo Orangutan Survival) UK ins Leben. 

2003 erreicht der Palmölboom dann Zentralkalimantan. Auf einmal werden aus der gesamten Provinz gefangene, misshandelte und heimatlose Orang-Utans gemeldet. Wenn nichts anderes da ist, fressen die Orang-Utans Palmsetzlinge. Das macht sie zu landwirtschaftlichen Schädlingen. „Palmölmanager setzten Kopfgeldprämien aus“, erzählt Michelle. „Das Rettungsteam fand Orang-Utans, die erschlagen, mit der Machete abgeschlachtet oder gar mit Benzin übergossen und angezündet wurden. Und viele, viele Tiere aus diesen Regionen waren einfach am Verhungern.“ 

Plötzlich geht es nicht mehr darum, Orang-Utan-Babys großzuziehen, sondern darum, eine mächtige Industrie umzulenken. Während Lone Droscher Nielsen Nyaru Menteng zum weltweit größten Primatenschutzprojekt ausbaut, gründet Michelle Desilets in Großbritannien den Orangutan Land Trust. In seinem Namen reist sie um die Welt, treibt Spenden ein oder diskutiert mit Wirtschaft und Politik, zum Beispiel über Anbaubedingungen und die Errichtung von Wildtierkorridoren. Außerdem sichert OLT gemeinsam mit lokalen Umweltorganisationen Rückzugsgebiete für Wildtiere und trägt das Wissen um die Bedeutung des lebendigen Regenwaldes zu den Menschen, vor deren Augen er sich in eine stumme Monokultur verwandelt.

Palmöl: Das können müssen wir tun!

Für den Verbraucher zuhause, der gerne das Richtige tun möchte, sind Zertifikate wie der RSPO keine große Hilfe. Das System ist kompliziert, weil der Runde Tisch verschiedene Stufen der Verpflichtung anbietet und Öko-, Bio-, Sonstwas-Siegel gibt es auch so schon genug. Die Firmen wissen das und drucken ihr RSPO-Siegel gar nicht erst auf das Etikett. „Es gibt keine eindeutigen Empfehlungen für Verbraucher“, sagt Martina Bacher von Umweltblick.de. „Leider.“ Aus einer Linkliste für Freunde hat die Grafikerin „nebenher“ ein Portal entwickelt, das einen Einkaufsführer für palmölfreie Produkte enthält. Ihr Fazit: Es lohnt sich, die Zutatenliste auf dem Etikett zu lesen. Bei Lebensmitteln muss Palmöl seit 2014 als solches deklariert werden. Für andere Produkte ergeben sich aus den Inhaltsstoffen zumindest Hinweise. Welche, darüber klärt Umweltblick.de ebenfalls auf. 

Hilfreich sind auch die Scorecards des WWF. Darin ist tabellarisch und standardisiert aufgelistet, welche Kriterien in Bezug auf Palmöl Unternehmen erfüllen – und welche nicht. Man erfährt zum Beispiel, dass Rapunzel Naturkost zu hundert Prozent bis zur Plantage rückverfolgbares Palmöl verwendet, die Königsklasse des RSPO. Die Scorecard zeigt auch, dass der deutsche Einzelhandel unterschiedlich viel Verantwortung für umweltverträgliches Palmöl übernimmt und dass Chemie- und Futtermittelkonzerne zu den Schlusslichtern der Bewertung gehören. Ilka Petersen empfiehlt allgemein: Weniger Süßes und Fettiges, frische Lebensmittel statt Fertigzeug, die konsequente Reduzierung des Energiebedarfs, um vom Biosprit wegzukommen und wenn schon Palmöl, dann aus zertifizierter Produktion.

Auch unser Fleischkonsum spielt eine Rolle, denn immerhin zehn Prozent des global produzierten Palmöls werden zu Futter für die industrielle Tierhaltung verarbeitet. Wer hier Verantwortung übernehmen will, kauft Fleisch aus kleinbäuerlichen Betrieben. Und, ja, bio ist besser, auch in puncto Palmöl. „Allerdings ist eine Biopalmöl-Plantage auch eine Monokultur, in der außer Ölpalmen wenig lebt“, weiß Sven Selbert. Immerhin Pestizide und synthetische Dünger werden dort nicht eingesetzt. Trotz allem müsse klar sein, dass die Hauptverantwortung bei der Politik, insbesondere der Energiepolitik, liegt, macht der Tropenwald-Experte deutlich. „Palmöl als klimafreundlichen Kraftstoff zu verkaufen, ist völlig absurd!“ 

Eine Zukunft mit Palmöl?

Michelle, die geschäftsführende Direktorin von OLT, erklärt: „Palmöl muss nicht zulasten des Regenwalds gehen“. Allein auf Borneo stünden Millionen Hektar waldfreie Fläche zur Verfügung, die für den Palmölanbau geeignet wären. Die Landnutzungsplanung müsse diese nur berücksichtigen. Robin Wood hält auch das nicht für den richtigen Weg. „Viel weniger Palmöl ist die Lösung!“, titelt der Verband in einer Pressemitteilung zur aktuellen WWF-Studie „Auf der Ölspur“. Und mit einem strikten Verbot von Palmöl als Treibstoff sei ein erster, großer Schritt möglich. 

Doch in der öffentlichen Diskussion ist der Palmölanbau mit seinen Folgen noch immer bestenfalls ein Nischenthema. Laut FONAP müssen 50 Prozent des RSPO-zertifizierten Palmöls als konventionell verkauft werden, weil die Nachfrage nicht groß genug ist. Gleichzeitig teilt die Drogeriemarktkette dm mit, dass sie Kosmetik und Reinigungsartikel nicht zertifiziert anbieten könne, weil für deren Herstellung Palmölderivate benötigt würden, die aus RSPO-Öl nicht in ausreichender Menge auf dem Markt seien. 

Aktiv gegen Palmöl

Hier haben wir Verbraucher dann doch wieder eine gewisse Macht: Jede offensive Nachfrage lässt Händler und Hersteller spüren, dass es nicht egal ist, ob sie Raubbau, Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen dulden. Jede Kaufentscheidung ist eine Wahl, die das Potenzial hat, Produktionsketten zu verändern. Übrigens nicht nur bei Palmöl. Wer mehr tun möchte, kann seine Stimme denen geben, die das Thema politisch vertreten: Verbände wie Robin Wood, OLT und all die anderen heißen jeden Helfer und jedes Mitglied willkommen. Manchmal wird aus so einem Engagement eine Lebensaufgabe.

Wenn sie drauf und dran ist aufzugeben, fährt Michelle wieder in den Wald von Borneo. In einer der Rettungsstationen verbringt sie Zeit mit den Orang-Utans, manche tragen noch Windeln, und schaut zu, wie sie in den Bäumen üben, Nester zu bauen. „Ich fühle mich privilegiert, weil ich so viele Orang-Utans persönlich kenne“, sagt sie. Vor kurzem wurde einer, der ihr besonders nahe steht, in einem sicheren Waldstück zurück in die Freiheit entlassen. „Das ist meine Motivation.“

Fotos: Michelle Desilets; James Morgan / WWF International; Igor Ovsyannykov / pixabay.com // Illustration: Coquito Clemente / pixabay.com

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