Wie wird man buddhistische Nonne oder Mönch? Äbtissin Thubten Chodron hat Antworten

Venerable Thubten Chodron gehört zu den bekanntesten Dharma-Lehrerinnen der USA. 1977 wurde sie zur buddhistischen Nonne und 1986 zur Bikshuni ordiniert. Seit nunmehr 15 Jahren baut sie das Kloster Sravasti Abbey im Bundestaat Washington erfolgreich auf

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Die Entscheidung, buddhistische Nonne zu werden, erfordert großen Mut. Vor allem im Westen, wo es nur wenige Klöster und gesicherte Unterstützung gibt. Diese Entscheidung über einen langen Zeitraum zu leben, beweist zusätzliches Durchhaltevermögen. Was waren Ihre größten Hindernisse in den letzten 30 Jahren?

Die Novizen-Gelübde zu nehmen, war nicht sonderlich schwer. Ein Lama gab sie problemlos jedem, der vorbereitet war. Die volle Ordination zu erhalten, erwies sich hingegen als weit komplizierter. Die Herausforderungen der ersten Jahre danach waren aber ganz andere: Ich lebte in Indien und hatte weder Geld noch ein Rückflugticket in die USA. Meine Familie gab mir kein Geld, also blieb mir nichts anderes übrig, als mir meine allerletzten 50 Dollar strikt einzuteilen. Die extreme Sparsamkeit, war hart – und eine sehr wertvolle Erfahrung. Ich lernte nicht nur das wenige was ich besaß mehr zu schätzen, sondern auch die Liebenswürdigkeit meiner Mitmenschen, die mir mit Geld oder Sachspenden aushalfen. Das ist bis heute so: Ich arbeite nicht für meinen Lebensunterhalt und bleibe nur durch die Großzügigkeit anderer am Leben. Das vergesse ich nie.

Vielen Menschen erscheint ein Leben im Zölibat als Inbegriff der Unfreiheit. Buddha dagegen lehrte die Gelübde als Hilfen, um Freiheit zu gewinnen. Empfinden Sie sich als frei?

Ich habe von Anfang an sehr genau darüber nachgedacht, was die Gelübde für mein Leben bedeuten würden, was ich tun darf und was nicht. Als ich tief in mein Herz schaute, wollte ich diese Dinge interessanterweise auch gar nicht mehr tun. Inzwischen hatte ich nämlich erkannt, dass ich durch sie nur negatives Karma ansammeln und unweigerlich zu einer ungünstigen Wiedergeburt beitragen würde. Ich könnte dann niemandem mehr helfen, mich eingeschlossen. Die Gelübde sind also eher ein Schutz, der mich vor der Versuchung bewahrt, unheilbare Dinge zu tun.

Sie waren vor Ihrer Ordination verheiratet. Wie ist Ihr Mann mit der neuen Situation umgegangen?

Unmittelbar nachdem ich auf den Dharma traf, wusste ich, dass ich Nonne werden wollte. Es dauerte knapp zwei Jahre bis ich die Novizen-Gelübde nahm. Mir ging das fast zu langsam, aber Lama Yeshe bat mich etwas zu warten, was sehr weise war. Mein Mann war extrem verständnisvoll. Ich erklärte ihm, dass unsere Ehe allein aus Anhaftung funktionierte und wir damit schlechtes Karma anhäufen würden. In so einer emotionalen Verbindung wie der Ehe fahren die Gefühle gern mal Achterbahn. Da bleiben Ärger und Streit nie aus. Da er selbst Buddhist wurde und Vertrauen in die Lehren hatte, wusste er, was ich meinte und wie wichtig mir dieser Entschluss war. Und obwohl es hart für ihn war, hat er nie versucht mir meine Entscheidung aus- oder Schuldgefühle einzureden. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Wir sind Freunde geblieben, bis heute.

Der Weg ins Kloster


Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die überlegen, sich ordinieren zu lassen? Wieviel Zeit soll man sich nehmen?

Es ist keine Sache von Zeit, sondern von der felsenfesten Überzeugung, diesen Schritt wagen zu wollen. Man sollte die Entscheidung nicht aus einer Laune heraus fällen, weil es cool ist, eine Robe zu tragen oder man in den Lehrer vernarrt ist. Mache dir deiner Motivation bewusst und sei dir klar darüber, worauf du dich einlässt. Besonders im Westen ist das Leben als buddhistische Nonne oder Mönch kein Zuckerschlecken. Die Tibeter kümmern sich schwerpunktmäßig um ihre eigenen Klöster. Natürlich versorgen sie dich mit Dharma-Materialien, gehen leider aber immer noch davon aus, dass die Westler sich schon irgendwie allein durchschlagen. Man sollte sich also gründlich überlegen, wie man seinen Lebensunterhalt bestreiten und vor allem wo man Unterkunft finden kann. Ohne monastische Gemeinschaft stellt sich die Frage, wie man die Ordensregeln, den Vinaya, erlernen soll. Was das betrifft, bringt dich selbst ein Leben in einem Dharma-Zentrum nicht wirklich weiter. Die Gelübde zu nehmen ist nur der erste Schritt, sich darin zu üben ein anderer.

In der Sravasti Abbey kann man all das sehr gut. Hier bekommt jeder die nötige Unterstützung und niemand muss rausgehen, um durch Lohnarbeit seine Existenz zu sichern. Wer echtes Interesse hat, kann uns gern besuchen und eine Zeit lang erfahren, wie wir leben und ob sie oder er selbst so ein Leben führen möchte. Viele sind nämlich so begeistert Nonne oder Mönch zu werden, denken aber nicht nach, was sie am Tag nach ihrer Ordination tun werden. Das ist wirklich sehr wichtig.

Sie lehren weltweit, als Äbtissin von Sravasti Abbey verlangt zudem der Zukauf neuer Grundstücke und der stetig wachsende Sangha Ihre volle Aufmerksamkeit. Haben Sie sich Ihr Dasein als Nonne so vorgestellt, mit einer Leitungsfunktion, oder hätten Sie heute lieber wieder mehr Zeit für Ihre eigene Entwicklung und Meditation?

Anfangs ging ich zu meinen Lehrern und bat sie, häufiger Retreats machen zu dürfen, damit ich öfter meditieren und geistige Erfahrungen sammeln kann. Sie sagten: „Gute Idee, du kannst einmal pro Jahr für einen Monat in Klausur gehen – und da wirst du Belehrungen geben!“ Für viele Jahre habe ich mich dagegen gesträubt, doch irgendwann schließlich dämmerte es mir, wie wunderbar es ist, als Lehrerin aktiv sein zu dürfen. Wie viel man selbst dabei lernt, wie gut man anderen helfen und auch selbst Verdienste ansammeln kann. Ab diesem Punkt fand ich mehr und mehr in meine Rolle.

In allen Gemeinschaften gibt es trotz der besten Absichten immer wieder Konflikte. Was waren für Sie in diesem Zusammenhang die schwierigsten Erfahrungen?

Heute bin ich viel besser auf Konfliktsituationen vorbereitet, damals in Italien war ich es nicht. Ich war zu wenig in meine geistige Praxis vertieft, hatte noch nicht gelernt, wie man Menschen zuhört und gute Gespräche kultiviert. Dennoch gibt es auch heute Situationen, mit denen ich nur schwer umgehen kann. Etwa wenn mich jemand um Rat bittet, ich demjenigen einen gebe und darauf gleich ein „Ja, aber …“ kommt. Der direkte Wechsel in den Verteidigungsmodus. Dann frage ich mich manchmal, warum diese Menschen mich überhaupt aufgesucht haben, wenn sie bereits wussten, was sie tun wollen. Und wenn ich dann sehe, wie sie tatsächlich eine schlechte Entscheidung fällen, ich sie aber einfach nicht erreichen kann, dann bedrückt mich das sehr!

Haben Sie eine Empfehlung für den Umgang mit Konflikten in buddhistischen Zentren oder Gruppen?

Mentales Training ist sehr effektiv, um seinen eigenen Geist zu zähmen. In Sravasti Abbey nutzen wir zudem sehr erfolgreich die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Hierbei lernt man, seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse besser zu identifizieren und sie auszudrücken, ohne andere dabei zu bedrohen.

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Info: Thubten Chodron gehört ebenfalls zum Lehrerinnenkreis des ersten buddhistischen Nonnenklosters in der tibetischen Tradition in Deutschland: Kloster Shide in der Lüneburger Heide.

thubtenchodron.org
sravastiabbey.org

Foto: Gen Heywood Photography

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