Saubere Arbeit: Wie eine Autowaschanlage Autisten hilft

„Fast jeden Tag starten Kunden bei uns ihren Wagen mit Freudentränen in den Augen. Sie sind froh darüber, dass es uns gibt. Welche Autowaschanlage kann das von sich sagen?“, fragt Tom D’Eri. Rein rhetorisch, denn die Antwort müsste wohl „keine“ lauten. Schließlich gibt es Rising Tide Car Wash bisher nur einmal auf der Welt – in Parkland, Florida, eine halbe Autostunde von Fort Lauderdale entfernt. Knapp 45 Angestellte waschen und wienern hier im Monat bis zu 10 000 PKW. Der Grund für die eine oder andere Träne bei den Fahrern: 35 der Angestellten sind auf dem Autismus-Spektrum. Dazu hochmotiviert, detailversessen und extrem gründlich. Die Fluktuation tendiert gegen null. Die einzigartige Idee hat einen persönlichen Hintergrund. Tom, ein junger Business-Berater, und sein Dad John, ein erfolgreicher Unternehmer, sorgten sich um Toms Bruder Andrew. Mit drei wurde dieser als autistisch eingestuft. 2011 würde er seinen 22. Geburtstag feiern – und damit in den USA aus der staatlichen Unterstützung und den klassischen Hilfsangeboten herauswachsen. Die Folge ist allzu oft ein Verkümmern erlernter Fähigkeiten, weil ein Job schwierig bis gar nicht zu finden ist. Deprimierende 80 bis 90 Prozent sitzen früher oder später ohne sinnvolle Beschäftigung und soziale Stimulation zu Hause.

Das wollten die D’Eris für Andrew auf gar keinen Fall. Vater und Sohn dachten über eine Firma nach, die Menschen auf dem Autismus-Spektrum beschäftigen könnte. Nach ausgedehnter Recherche kamen sie auf eine Autowaschanlage. Die Vorteile lagen klar auf der Hand: Menschen mit Autismus sind in der Regel einfacher für repetitive Tätigkeiten zu begeistern, die hohe Genauigkeit erfordern. Und durch den Arbeitsplatz unter freiem Himmel und mit reichlich Kundenverkehr sehen die Nachbarschaft, die nähere Umgebung und andere Unternehmer, wie leistungsfähig und wertvoll diese besonderen Arbeitnehmer sind. „Jeder kann beurteilen, ob sein Auto sauber geworden ist oder nicht. Und wenn er dann noch erfährt, dass der Mitarbeiter autistisch ist, verbindet er beides positiv miteinander“, erläutert Tom D’Eri. Die autistischen Angestellten werden zusehends selbstbewusster, und ihr Verlangen nach Austausch mit anderen steigt. Sie werden Teil einer größeren Gruppe – und das besondere Business regt einen Austausch über Autismus und Behinderungen im Allgemeinen an.

Ein Jahr später zog die gesamte Familie, auch Johns Ex-Frau Donna, bei der Andrew lebte, von New York ins Umland von Miami. Sie fanden eine Waschanlage mit trüber Zukunftsaussicht und eröffneten dort am 1. April 2013 ihre Rising Tide Car Wash. Ohne Zuschüsse oder Darlehen. Erste Medienberichte und TV-Beiträge ließen die Waschanlage förmlich explodieren – das Geschäft boomt. Bis heute. Deshalb hat John D’Eri auch große Pläne: Drei Stationen sollen es Ende 2016 sein, die gut 150 Mitarbeiter beschäftigen. 80 Prozent von ihnen Autisten. Autismus betraf in den 1980er-Jahren noch etwa jedes 10 000. Kind in den USA, heute erhält jedes 68. Kind dort die Diagnose „auf dem Spektrum“ zu
sein.

Könnten also Projekte wie Rising Tide Car Wash ein Beitrag zur Bewältigung eines wachsenden Problems sein und den betroffenen Menschen und ihren Familien eine Perspektive sowie Entlastung bieten? Dazu würden Tom und John D’Eri gern Forschungen anstellen, gemeinsam mit Autismus-Organisationen und Therapeuten. Ihre Theorie: Jedes Business kann so strukturiert werden, dass autistische Menschen darin eine Rolle spielen und Verantwortung übernehmen können. Ein Job ist gleichwohl kein Allheilmittel, und nicht alle Autisten gehören in die Kategorie „hochfunktionell“ oder gar „Mathe-Genie“, wie es Hollywood uns gern weismacht.

Und doch inspiriert der Ansatz von Rising Tide Car Wash als sinnvoller Baustein im Umgang mit Menschen mit Behinderungen wie Autismus. Vor allem, weil Tom und sein Vater nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Schicksal, das Familien mit einem autistischen Kind ereilt, alles andere als roses and daisies bedeutet. „Mein Bruder Andrew weinte viel, sein Verhalten war unberechenbar. Für mich selbst bedeutete das, meinen Eltern bloß nicht auch noch Probleme zu bereiten. Sie hatten ja alle Hände voll zu tun mit Andrew.“ Auch finanziell, denn die 40 Stunden Intensiv-Therapie jede Woche, welche die Familie für Andrew bezahlte, belief sich auf rund 100 000 Dollar pro Jahr. Sie wollten ihn bestmöglich fördern, nur in die Ewigkeit verlängern ließ sich diese Kostenbelastung natürlich nicht. Vor allem, als mit Andrews Eintritt ins Erwachsenenalter jegliche staatliche Unterstützung versiegte.

Statt zwei Stunden am Tag irgendeiner unbezahlten Sortiertätigkeit in einem Büroarchiv nachzugehen oder als Einpackhilfe bei Walmart zu landen, wünschten sich Andrews Eltern eine echte Chance für ihren Sohn. Die sie ihm schließlich selbst boten. Und mit ihm vielen weiteren Betroffenen. Bei bis zu zwölf Dollar Stundenlohn plus Trinkgeld. „Unser General Manager kommt aus der Gastronomie“, erzählt Tom D’Eri, „und er ist immer wieder beeindruckt von der konzentrierten Arbeitsweise unseres Teams, von ihrem Stolz, bei uns einen Platz gefunden zu haben und Verantwortung übernehmen zu können, und vom Arbeitseifer.“

Doch was ist mit den Kontaktproblemen, die Autisten oft von der Außenwelt ausschließen? Das treffe auch auf ihre Mitarbeiter zu, erklärt Tom D’Eri. Aber mit wachsender Routine und positiver Interaktion mit Kunden anhand vorgefertigter Sätze würden fast alle ihre Scheu Zentimeter für Zentimeter ablegen. Für jene, die „hochfunktionell“ autistisch sind oder unter dem Asperger-Syndrom leiden, sei Rising Tide Car Wash ohnehin nur ein erster Job. Wie für einen Collegestudenten, der in einer Burgerbratbude erste Erfahrungen sammelt.

Info: Der Artikel basiert in Teilen auf einem Interview, das Tom D’Eri dem Podcast „Good Life Project with Jonathan Fields“ gab. Das Gespräch und weitere Informationen finden Sie hier.

Foto: Rising Tide Car Wash