Honest by: Designer Bruno Pieters über ehrliche Mode

Bruno Pieters gibt selten Interviews. Das war schon zu seiner Zeit als Creative Director der Boss-Linie Hugo so. Der Absolvent der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen gilt als scheu und introvertiert. Dafür hat die Idee, die der Belgier vor mittlerweile vier Jahren hatte, in der Modebranche reichlich Staub aufgewirbelt: ein Webshop namens Honest by für Mode und Accessoires, teils von ihm selbst designt, der sich vollständiger Transparenz verpflichtet. Nicht nur die Herkunft jedes Bestandteils wird dabei dem potentiellen Käufer offengelegt – vom Stoff bis zum Knopf und Etikett – sondern auch die komplette Preiskalkulation. Das war damals absolut neu und ist bis heute extrem selten. Das US-Unternehmen Everlane ist eines von wenigen, die eine in etwa vergleichbare Strategie verfolgen.

Doch zurück zu Bruno Pieters. Die Initialzündung für die Gründung von Honest by war sein Sabbatical in Südindien im Jahr 2010. Da war der Designer gerade mal 35 Jahre jung. Eine Zeit, die seine Vorstellung von Mode und deren Produktion stark veränderte. Er sah jeden Tag, wie Menschen dort Kleidung aus regionalen Rohstoffen webten und nähten, jede Faser einer Hose oder eines Kleides „kannten“. Könnte das auch auf internationaler Basis funktionieren?

Pieters wagte den Schritt und macht mit Honest by neben seiner eigenen Mode zudem interessierten Marken und Designern sämtliche Ressourcen zum Thema „Nachhaltige Mode“ sowie seine Kontakte zu Produzenten von hochwertigen Bio-Textilien zugänglich. Und nicht nur dass: Honest by sorgt auch für die verständliche Kommunikation dieser Infos an den Besucher der Internet-Boutique. Sogar der geschätzte CO2-Ausstoß, der für die Herstellung nötig war, ist einsehbar.

Mutig, schließlich gilt es doch gemeinhin, die Kosten bestmöglich zu reduzieren und den Gewinn zu maximieren – und das Verhältnis dieser zwei Größen um Himmelswillen zu verschleiern wie ein Staatsgeheimnis. Doch Pieters war egal, was die übrige Modeszene über sein Vorhaben dachte, deren Reaktionen zwischen stummer Bewunderung und Kopfschütteln schwankte. Wer einmal seine Berufung gefunden hat, der braucht keinen Applaus mehr und bewegt Dinge ohne Angst.

Bruno Pieters sagt, Honest by war einfach die berufliche Fortsetzung seiner privaten Entscheidung, generell nachhaltiger und bewußter zu leben. Ein Business-Konzept, dass er im Interview als „bizarr“ bezeichnet: „Eines der größten Probleme ist, dass viele Menschen denken, die schlimmen Dinge auf der Welt hätten mit ihnen rein nichts zu tun. Niemand ist sich seiner Verantwortung bewusst.“

Und genau diesen Zusammenhang zwischen Shopping und Ökologie und Fairness wollte Pieters herstellen: „Ich war auf der Suche nach einem Unternehmen, das mit meinen persönlichen Werten im Einklang steht. Als ich keines fand, beschloss ich, selbst eines zu gründen. Dabei wollte ich der Mode eigentlich Adieu sagen.“

Vier Jahre später ist Pieters immer noch in fashion, seine Plattform Honest by bedient eine wachsende Anzahl von Kunden und er unterstützt sogar den Design-Nachwuchs mit dem Future Fashion Designer Scholarship (FFDS). Ein Stipendium in Höhe von 10.000 Euro für Studenten, die ihre Bachelor-Abschlusskollektion nachhaltig entwerfen. Natasha Binar befragte Bruno Pieters für Enough:

Bruno Pieters, warum entschieden Sie sich, Ihren sicheren Arbeitsplatz aufzugeben und ein Stück weit die Mode-Industrie auf den Kopf stellen?
Mode kann ein Werkzeug für Mainstream-Design sein, für kommerziellen Erfolg – aber auch ein Werkzeug für den Wandel. Und das ist, was ich mit Honest by tun wollte; Mode als Tool für den Wandel zu sehen und zu verwenden. Eine Änderung ist dringend nötig. Wir brauchen mehr Transparenz in dieser Branche. Es gibt so viel Korruption, so viel Ungerechtigkeit. Nicht nur im Bereich der Ready-to-Wear sondern auch in der High Fashion und der Haute Couture. Durch die Gründung von Honest by wollte ich zeigen, dass es so nicht sein muss. Das können wir besser machen.

Was war die größte Herausforderung?
Es gab keine Hindernisse. Es ist doch viel schwieriger, die Herkunft von Rohstoffen, die Arbeitsbedingungen und die Margen vor der Öffentlichkeit zu verbergen, als alles mit dem Käufer zu teilen, was hinter einem Modeteil steckt. Das war die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe.

Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die Modeindustrie eine tiefe Krise erlebt. Mindestens aber eine gehörige Transformation. Wie sehen Sie die Zukunft?
Ich versuche, mich auf meine eigene Arbeit zu konzentrieren. Ich glaube aber, dass 100-prozentige Transparenz sehr bald ein ganz normaler Service für die Kunden ist. Eine Selbstverständlichkeit. Jeder hat es verdient, genau zu wissen, was er kauft. Ich glaube auch, dass jede Marke, die stolz auf ihre Produkte und ihr Tun ist, das umso lieber klar und deutlich mitteilt. Ehrlichkeit und Offenheit haben meine gesamte Arbeitsweise verändert und noch schöner, erfüllender gemacht. Wenn ein Produkt nicht bloß ein Design sondern eine richtige Story hat, dann ist Mode wieder relevant und eine force for good.

Was ist Ihre größte Freude – und wovor haben Sie Angst?
Ich habe keine Angst. Ich vertraue darauf, dass Menschen am Ende das Richtige tun. Meine größte Freude ist jeder Kunde, der Fragen stellt, der Trends nicht blind folgt, sondern mit seiner Neugier und seinem eigenen Willen weiterbringt und verändert. Das ist es, was mich glücklich macht: Normale Menschen, die sich ihrer Macht bewusst werden, Gutes zu tun.

Was macht Bruno Pieters heute in zehn Jahren?
Immer noch das, woran ich glaube.

Foto: Bruno Pieters

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