Esther Gokhale: Die Mutter aller Back-ups

Stehen ist auch keine Lösung, sagt die Amerikanerin Esther Gokhale, die seit Jahren den Big Playern des Silicon Valley den aufrechten Gang unserer Urahnen und das „richtige Sitzen“ beibringt

Während ich das hier schreibe, sitze ich an einem Schreibtisch, der wenig mit Ergonomie zu tun hat, und imitiere erfolgreich die Umrisse eines Puddings. Meine Interviewpartnerin aus Kalifornien würde mich bei diesem Anblick sicher einmal durch die Skypeleitung ziehen. Schließlich ist unsere natürliche Körperhaltung das Lebensthema von Esther Gokhale, die im Silicon Valley als „posture guru“ verehrt wird. Von YouTube-CEO Susan Wojcicki etwa, die in der „New York Times“ lobte: „Ich mache nur Dinge, die Sinn machen und wo ich Resultate sehe. Und genau das gibt mir Esthers Arbeit.“ Von Blog-Mogul Matt Drudge („Drudge Report“) – und ganzen Abteilungen bei Google und Facebook, die sie aufs erhobene Haupt unserer Vorfahren umschult. Aber auch die Folk-Sängerin Joan Baez und Tennis-Legende Billie Jean King ziehen Gokhale zu Rate, wenn ihr Nacken blockiert ist oder die Lendenwirbel zwicken. Ebenso wie Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, der ihr schrieb: „Möge Gott ihre heilenden Hände weiterhin segnen, so dass Sie noch viele Menschen aufrichten mögen.“ Rückenschmerzen, dass betont die US-Therapeutin immer wieder, sind ungemein demokratisch. Und eine weltweite Wohlstands-Epidemie.

„Esthers Buch ist die verständlichste Erklärung der Funktion unserer Wirbelsäule, die ich je gelesen habe“ – J. M. Coetzee, Literatur-Nobelpreisträger („Die Kindheit Jesu“)

Einer Umfrage des Start-ups LumiBack zufolge leiden 60 Prozent der Amerikaner unter dem „Silicon Valley Syndrome“, das die „physischen oder mentalen Folgen unseres Ge- oder Missbrauchs von Technologie“ beschreibt. Überreizte, trockene Augen, Kopfschmerzen, Karpaltunnel, Schlaflosigkeit. Kommt uns auch in der alten Welt bekannt vor, oder? Rund 70 bis 90 Prozent von uns plagen irgendwann einmal Rückenschmerzen, die zugleich Hauptursache von die Arbeitsunfähigkeit von Menschen unter 45 Jahren sind. Ein Drittel aller Betroffenen leidet chronisch. Die Boston University schätzt die Zahl junger US-Bürger, die durch Technologie-Nutzung muskuläre und skelettale Schäden davontragen, sogar auf neun Millionen. Vor ihrem ersten Job!

Daran sei das Sitzen Schuld. Am Bauchspeck, ungünstigen Blutzucker, unrunden Kreislauf, müden Stoffwechsel, einem erhöhten Krebsrisiko. Sitzen, eine Angewohnheit, die mal Zeichen des Fortschritts war – bequemer als die Maloche auf dem Feld oder am Band – und jetzt eine neue Arbeiterklasse brandmarkt. Sechs Stunden sitzt der Office-Krieger vor dem Bildschirm, hackt 200.000 Anschläge in die Tastatur. In 30 Karrierejahren sammeln sich so 48.360 verhockte Stunden an. Die Überflieger stehen längst: an Hydraulik-Stehpulten für Positionswechsel auf Knopfdruck, die sich Firmen im Valley bis zu 10.000 Dollar pro Mitarbeiter kosten lassen.

„Nach Jahren chronischer Schmerzen im Nacken und Rücken hatte ich das Glück, Esther Gokhale zu treffen. Sie stellt auf den Kopf, was wir für allgemeingültig halten“ – Joan Baez, Folkmusik-Legende

Die Strategie der studierten Biochemikerin und Akupunktur-Therapeutin Esther Gokhale (sprich: „Go-clay“) gegen verspannte Start-upper meidet Parolen wie „Sitzen ist das neue Rauchen“. Mehr noch: „In moderater Dosis und richtig ausgeführt ist das Sitzen eine durchaus nützliche Schonhaltung, die uns zudem als Muße- und Grübelpose seit ewiger Zeit gute Dienste erweist.“ Stimmt, Rodins Denker war kein Steher und buddhistische Mönche meditieren im Lotussitz, nicht -stand. Bedenklich, so Gokhale, sind bei „versessenen“ Tagen eher die Folgen als der Akt an sich: Zu wenig Bewegung und Haltungswechsel, ein komplett verkopftes Leben. Stattdessen plädiert die 55-Jährige mit dem gewellten schwarzen Haar und dem fröhlich glucksenden Timbre für eine Rückbesinnung. Von der Krümmung über das Smartphone zur stolzen Grazie, wie sie bei den Massai noch Alltag ist. Um diese stolze Statur herum hat sich in fünf Millionen Jahren unsere gesamte Körpermechanik und Organstruktur aufgebaut. Blutzirkulation, Lungenfunktion, Lymphfluss, alles. Halt gibt die eher als J und nicht S geformte Wirbelsäule. Der Rücken und Nacken bleiben nahezu gerade, die Hüfte ist leicht nach vor gekippt, das Gesäß nach hinten ausgestellt. So wie es Standbilder der Antike und Skizzen von Da Vinci, ja selbst das Ärzte-Standardwerk „Gray’s Anatomy“ abbilden.

„Statt diesem Erbe treu zu bleiben, experimentieren wir gerade in den letzten 30 Jahren wild herum“, sagt Esther Gokhale mit hörbarem Kopfschütteln. „Das Ergebnis ähnelt einem rassigen Sportwagen mit verbogenem Spoiler. Ja, er fährt noch, nur eben weniger effektiv und schnell.“ Sie sei jeden Tag erstaunt, dass unser Körper bei gebeugtem Nacken, kollabiertem Oberkörper, „Pudding“-Sitzen und dauerverspannter Muskulatur überhaupt noch funktioniere.

„Die Gokhale-Methode arbeitet 24/7 für dich, ohne Equipment oder extra Trainingszeit. Ich empfehle ihr Buch jedem in der Business-Welt“ – Susan Wojcicki, CEO, YouTube

Das Paradoxe an Esther Gokhales Erfolgsgeschichte als Haltungs-Coach der Tech-Alphatiere: Bis zu ihrem Studium an gleich zwei Elite-Universitäten hatte sie selbst nie Rückenschmerzen verspürt. Gokhale wurde 1960 in Amstelveen, südlich von Amsterdam geboren, wuchs jedoch überwiegend in Mumbai, Kalkutta und Chennai auf. Ihre Eltern, ein englischer Sales-Manager aus der Textilbranche und eine holländische Krankenschwester, lernten sich in Großbritannien kennen. Als der Vater nach Indien versetzt wurde, ging die Mutter mit. Neben ihren vier Kindern kümmerte sie sich um Waisenbabys, die sie mit Schulmedizin und alternativen Heilmethoden hochpäppelte. „Von ihr habe ich mir die leidenschaftliche Nächstenliebe abgeschaut. Und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen und ihrer Weisheit.“ Mit 15 kam Esther als Austauschschülerin in die USA. Ein Kulturschock. „Vom kosmopolitischen Mumbai landete ich in Bridgeton, New Jersey, wo morgens im Radio prophezeit wurde, dass Ungläubige in der Hölle schmoren würden.“ Gokhale blieb dennoch und schrieb sich dank eines Stipendiums und zwei übersprungener Klassen bereits mit 16 an der Harvard University für Biologie und Mathematik ein. Ihren Abschluss in Biochemie machte sie in Princeton.

Obwohl sie als Teenie in Indien öfter in Yogakursen die Asanas demonstrierte, war es so eine Pose, die sie erstmals tagelang flachlegte. „Ein Kommilitone wollte sehen, wie ich meinen Fuß hinter den Kopf legte. Ohne in Form oder aufgewärmt zu sein, ziemlich blöd.“ Das nächste Mal meldeten sich Lendenwirbel und Ischias 1986, als Gokhale im neunten Monat schwanger war. „Ich konnte nur je zwei Stunden liegen, lief nachts durch die Nachbarschaft und den Schmerzen davon.“ Ein Jahr später wurde ihr Bandscheibenvorfall operiert. Die Ärzte verboten ihr jedoch auch danach, ihre Tochter zu tragen, rieten von weiteren Kindern dringend ab. Nur 12 Monate später kehrten die Schmerzen zurück. Nichts half. Weder Nadeln noch Massagen, kein Feldenkrais, keine Alexander-Technik, Homöopathie oder Psychotherapie. Esther befürchtete ein Leben von OP zu OP. „Ich fragte mich: Warum ist der menschliche Körper so eine Fehlkonstruktion? Es dauerte, bis ich begriff, dass kein Designfauxpas vorliegt, sondern wir einfach ohne Gebrauchsanweisung für uns selbst auf die Welt kommen.“

„Esthers Kurs hat mein Leben verändert. Statt OPs half mir nach Bandscheibenvorfällen eine verbesserte Körperhaltung“ – Eric Schoenfeld, Software Engineer, Google

Erst in Paris, im Institut Superieur d’Aplomb von Noelle Perez-Christiaens, kam Esther Gokhale ihrer Heilung näher. Die legendäre französische Yogalehrerin vermittelte dort Körperhaltung nach paleontologischen Mustern, salopp ausgedrückt: den Urzeit-Walk. Esther wollte mehr wissen und startete 1991 auf eine Odyssee, die bis heute andauert: in entlegene Gebiete Indiens, auf die Berge von Ecuador, in portugiesische Fischerdörfer, zu kleinen Dörfern in Burkina Faso. Nicht selten fehlten den Menschen dort Worte für Rückenweh, weil niemand darunter litt. „Selbst zwei Greisinnen in Westafrika nicht, die sieben täglich Stunden vornüber gebeugt Wasserkastanien auflasen.“ Gokhale war fasziniert. Sie führte Interviews, machte Tausende Fotos, drehte Videos, beobachtete, lernte. Zurück in Kalifornien, wo ihr Mann Brian an der Stanford University Mathematik lehrt, vertiefte sich Gokhale weiter in die Materie. Sie belegte Kurse in Anatomie und Anthropologie, bettelte sich in Vorlesungen über innere Medizin. Es folgten Stunden in Capoeira, kongolesischem Tanz und Pilates. „Wenn man mit Rückenschmerzen arbeitet, braucht man viele Pfeile in seinem Heilungsköcher.“

Zwei Rituale, welche die natürliche Form und Dynamik unseres Rückgrats erhalten sollen, bilden den Kern der „Gokhale Method“. Das die „Stretch-Sitzen“ für mehr Bandscheiben-Platz und das entspannende „Stapel-Sitzen“ für die korrekte Ausrichtung der Hüfte. Dazu gibt Gokhales Buch „Nie wieder Rückenschmerzen“ weitere Tipps wie das „glidewalking“ auf der Ferse und die Kräftigung der Po- und Bauchmuskulatur. All das lernen und üben Schüler aller Altersklassen in Trainingsstunden und Workshops, mit Büchern und DVDs. Auch einen Bürostuhl mit aufrichtenden Noppen und geneigter Sitzfläche gibt es im Webshop. Auf einem neuen technischen Haltungs-Gadget denke ihr Team gerade herum, gibt sich Gokhale geheimnisvoll. Man sei bei diesem Projekt im „stealth mode“, im Tarnkappenmodus. Den Jargon der New Economy beherrscht die Mutter aller „Backups“, deren Sohn bei Google arbeitet, im Schlaf. Etliche Investor-Angebote hat sie bereits abgelehnt, das Gokhale Institute, dessen COO in Bonn sitzt (und zwar anatomisch richtig), soll organisch wachsen. Vielleicht ist es der Altruismus der Mutter, der aus diesen Worten spricht: „Meine Methode verlangt kein kostenpflichtiges Abo, Sie brauchen weder Tools noch immer neue Kurse. Was Sie einmal bei mir gelernt haben, gehört ihnen.“

„Drei Jahre lang konnte ich kaum joggen, weil mir ein Schmerz vom Fuß in die Hüfte schoss. Esthers Methode schlägt Krankengymnastik um Längen“ – Zan Armstrong, ehem. Lead Analyst, Google

Recht neu sind die psychischen Auswirkungen einer schlechten Haltung, welche die Sozialpsychologin Amy Cuddy an der Harvard University erforscht hat. Eine gebückte Haltung signalisiere Verhandlungspartnern nicht nur Unterwürfigkeit wie im Tierreich, sondern könnte auch für einen niedrigeren Testosteronspiegel und eine höhere Ausschüttung des Stress-Hormons Cortisol verantwortlich sein. So wie bei Gokhales Schüler Nickhil Jakatdar, ein Serien-Gründer (u. a. Vuclip), der gleich mit seiner ganzen Familie zu ihr kam. Esther: „Die aufrechtere Haltung hat ihm gesundheitlich enorm geholfen, aber eben auch bei Verhandlungen und als Führungspersönlichkeit.“

Für weitere Klarheit zwischen sit und go will Esther Gokhale weitere Forschung betreiben, am liebsten in Deutschland. Ihr größter Zukunftstraum: Tanz wieder zum festen Bestandteil unseres Alltags zu machen. Nicht bloß verbannt ins Gym. „Das würde viele physische und psychische Probleme unserer Zeit rhythmisch auflösen.“

Weitere Infos: gokhalemethod.com
Fotos: Esther Gokhale/PR