Enough Gesangbuch: Spirituell inspirierte Songs von Pop bis Weltmusik

He’s Alive – Dolly Parton

„Then He raised me to my feet 
And as I looked into His eyes 
The love was shining out from Him 
Like sunlight from the skies 
Guilt in my confusion 
Disappeared in sweet release 
And every fear I ever had
Just melted into peace“

Als wir 2016 einen Monat an der Ostküste der USA entlang kurvten, machten wir auch in der „City of Brotherly Love“ für ein paar Tage Station, in Philadelphia. Einen Abend machten wir uns zum Mann Center for the Performing Arts, einer großartigen Open-Air-Bühne, auf, um Countrylegende Dolly Parton live zu sehen. Warum ich das erzähle? Weil dieser kleine große Frau eine so unfassbar positive Energie ausgeht, ein helles Licht, dass es die meterhoch aufgehängten Scheinwerfer fasst nicht gebraucht hätte. Und weil sie ihren flehenden Hit „Hello God“ nur zur Hälfte sang, um nahtlos zu einem mir unbekannten Stück überzugehen. „He’s Alive“ sang Miss Parton, reckte die in glitzernden Kostümärmeln steckenden Arme gin Himmel – prompt tat es ihr da Publikum nach – und intonierte jede Zeile, jedes Wort mit so viel Inbrunst und Dringlichkeit, dass der letzte Song ihrer Setlist zum Impromptu-Gottesdienst wurde. Hallelujah.

Jahre später musste ich wieder an dieses wahrlich spirituelle Erlebnis denken und fragte das Orakel von Google. Erst jetzt erfuhr ich, dass „He’s Alive“ von Partons Album „White Limozeen“ stammt, das 1989 erschien. Den Track selbst, der aus Judas’ Sicht die Geschehnisse rund um die Auferstehung von Jesus vertont, schrieb Filmkomponist George S. Clinton. In bester Country-Tradition wird über zig Strophen ein atmosphärischer Handlungsbogen gespannt, hier jedoch ohne trennenden Refrain, erst am Schluss steigert sich die Erzählung zu einem Gospel-Crescendo von geradezu biblischem Ausmaß. Wenn man damals schon die Technik und ein Faible für Synthesizer gehabt hätte. Anyway, der Song und Dolly Partons nuancierte Interpretation lassen keinen Zweifel: „He’s Alive“.

Gethsemane – John Legend

„Then I was inspired, now I’m sad and tired
After all I’ve tried for three years, seems like ninety
Why then am I scared to finish what I started?
What you started, I didn’t start it“

Über die Live-Version des Musicals „Jesus Christ Superstar“, das Sir Andrew Lloyd-Webber im zarten Alter von 23 Jahren zusammen mit dem Librettisten Tim Rice erdachte, hat die ganze US-Medienlandschaft schon alles geäußert, was es zu sagen gibt. Dem Sender NBC bescherte das TV-Musical ordentliche Quoten die Wahl eines mal nicht-weißen Sängers und Darstellers in der Rolle des Jesus kann man ohnehin nur begrüßen. Punkt, enough said. An Legends Schauspiel schieden sich ein wenig die Kritiker-Geister, richtig gepackt hat mich jedoch sein „Gethsemane“, die bittere Abrechnungs-Nummer, in der ein gekreuzigter Jesus seinem Vater ein so fassungsloses wie verzweifeltes „Warum?“ entgegenschleudert.

Eine emotional aufwühlende Szene, begleitet von einer komplexen Melodie, voller Sprünge von der Normallage in höchste Register. Hört man genau hin, dann übersteigt die Partitur in diesem Moment Mr. Legends stimmliche Fähigkeiten – wie auch die Situation für Jesus unerträglich wurde. So wütend wie Gottes Sohn mit seinem ungerechten Schicksal hadert, so tapfer kämpft sich der Popstar („All of Me“) mit ganzer Seele durch die kompositorische Achterbahn. Volles Risiko, volle Gefühlswucht. Wow!

Directions – Nahko Bear and Medicien for the People

„Grandfather I’m calling on you
Need your guidance now
Grandmother I’m calling on you
Need your guidance now“

Wie ich auf diesen Ausnahmekünstler und seine tolle Truppe von Mitstreitern stieß, das weiß bloß das Internet. Fest steht, als ich „Directions“ hörte, war ich hin und weg. Nahko ist Aktivist, er kämpft für die Natur, den Bau von Öl-Pipelines durch indianisches Gebiet – und unberührte Natur! – und Ungerechtigkeit aller Art. In dem er in Demos marschiert, noch wirkungsvoller und weitreichender aber in seiner Musik. Und die steckt voller roher, wundervoller Energie, was wohl auch Paris Jackson dazu bewog, uns im Musikvideo zu „Dragonfly“ in einen verwunschenen Wald zu entführen.

„Directions“ vom Album „Hoka“ ist wie ein Mantra aufgebaut, untermalt von der üblichen schrägen Mischung aus tribal sounds, Soul-Sprenkeln und dem überbordenden Temperament, das Nahko mitbringt, der in seinem Stammbaum Apache-Wurzeln mit pu­er­tori­ca­nisch und philippinischen Einflüssen verzweigt. An diese Ahnen richtet er in dem mitreißenden Stück seinen Appell: „Wir brauchen eure Weisheit. Jetzt“. Ein Song also, dessen Botschaft angesichts der globalen Nachrichtenlage nie aktueller war als heute!

Keep Your Eyes on Me – Faith Hill & Tim McGraw

„Ain’t it the sinner
Who gets all the grace sometimes
Ain’t it the saint
Who picks up the pieces left behind“

Für den Soundtrack des Films „The Shack“ haben gleich etliche Countrygrößen und christliche chartbreaker zu Gitarre und Mikrofon gegriffen, darunter Lady Antebellum, Kelly Clarkson, Skillet, Francesca Battistelli oder Dierks Bentley. Mein persönliches Highlight aber ist dieses ruhige Duett, das oft unseren Feierabend auf der Pendlerautobahn begleitet.

McGraws sonore Stimme allein würde in diesem Arrangement vermutlich spätestens nach der zweiten Strophe etwas anöden, doch durch die unverkennbar dramatischen vocals seiner Partnerin in Musik und Leben, Faith Hill, steigert sich „Keep Your Eyes on Me“ zu einer rundum gelungenen Hymne auf das, was wichtig ist: Jesus nicht aus den Augen zu verlieren, gerade wenn sich alles gegen uns zu verschwören scheint. Wenn wir uns in der Dunkelheit zu verirren drohen, wenn unser inneres Licht eher schwach flackert als strahlt.

Servant of Peace – Snatam Kaur

„Oh Divine Master,
Grant that I may not so much seek
To be consoled as to console;
To be understood, as to understand;
To be loved, as to love“

Die Musik der Ausnahmekünstlerin, die im Sikhismus und seiner Folklore ebenso zuhause ist wie im Kundalini-Yoga, macht entspannendes Loslassen hörbar. Kaurs Songs, dargeboten mit einer einlullend glockenklaren Stimme und den Sounds des Harmoniums, sind wie Frieden nach Noten. Was nicht bedeutet, dass man nach ein paar Takten wegnickt, wie „Servant of Peace“ eindrucksvoll beweist.

Schwebt zunächst jede karge Textzeile allein im Klangraum, so verdichtet sich das Liedgeschehen nach kurzem Innehalten zu einem dynamischen Rezitativ des bekannten „Gebet des heiligen Franziskus“, in dem der Betende Gott bittet, ihn Liebe und Hoffnung sähen zu lassen und zu einem altruistischen Diener des Guten zu machen. Ein gelungenes Entree in Kaurs Kosmos und ganz nebenher eine Erinnerung an Worte, die auch gesungen die eine oder andere Wiederholung wert sind. Besonders in einer so inspirierenden Fassung.

Fotos: unsplash.com/Jacek Dylag; amazon.de

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