Enough Gesangbuch: Power-Pop fürs Seelenheil

I’m Getting Ready – Tasha Cobbs Leonard [feat. Nicki Minaj]

„Yo, ayo
Beach house vibes, manoeuvre the jet ski
‚Cause I serve a God that parted the Red Sea
Multi-million dollar commercials for Pepsi
From food stamps to more ice than Gretzky
I don’t gotta talk, the Lord defends me
I watch them all fall from going against me“

Künstler zu miteinander zu vergleichen ist meist eine Ausflucht und wird selten dem Vorbild noch dem Newcomer gerecht. Und doch flüsterte mir eine innere Stimme wieder und wieder zwei Worte zu, während mich Tasha Cobbs Leonard mit ihrer 8:26 Minuten langen Gospelhymne „I am getting ready, ready for overflow“ komplett aus den Schuhen und in höhere Sphären mitriss. „Aretha“, sagte die Stimme leise. Ich ignorierte sie zunächst, schließlich war die ewige Königin des Soul und zig weiterer Genres erst vor kurzem in den himmlischen Chor aufgestiegen. Too soon, sagt man in Amerika über zu frühe Bemerkungen wie „die neue Franklin“.

Ab Minute fünf lenkte mich dann der vielleicht unerwartetste Gastauftritt ever von meinen Reminiszenzen ab: Nicki Minaj stürmte mit den oben zitierten Zeilen an Kanzel und Mikro. Das Internet bleibt bis heute gespalten, Tasha Cobbs Leonard steht zu der Zusammenarbeit und sieht darin eine dringend nötige Erweiterung der Gemeinde, von den Hardcore-Fans christlicher Musik zu jenen, die nie in eine Kirche gehen würden, sich aber von Künstlern wie Lecrae oder hier eben Nicki Minaj durchaus an Jesus und seine Botschaft erinnern lassen.

In den letzten zwei Minuten des tracks kehrte die Stimme zurück, mittlerweile rief sie laut und deutlich „Aretha“ und „Franklin“ und „R.E.S.P.E.C.T.“. „Genug“, antwortete ich ihr. Es stimmt schon, Tasha Cobbs Leonard ist beschenkt mit einer Stimme, zu der man definitiv „Sie“ sagen sollte, eine Stimme, direkt mit ihrem Herz und ihrer Seele verbunden, wie es auch Miss Franklin auszeichnete. Ob ihr Lebensweg als Sängerin ebenso legendär verläuft, dafür ist es jedoch viel zu früh, und ihr und uns sollte so viel Gott gegebenes Talent auch vollkommen ausreichen. Übrigens ist nahezu das gesamte Album „Heart. Passion. Pursuit“ den Download wert. Die Live-Atmosphäre etlicher Songs sorgt dabei für zusätzliche Dynamik und Gänsehaut. Amen.

Back to God – Reba McEntire

„’Cause we’re still worth saving
Can’t go on like this and live like this
We can’t love like this
We gotta give this world back to God“

Egal in welchem Genre Sänger und Musiker unterwegs sind, derzeit scheint mehr und mehr von ihnen im Aufnahmestudio und darüber hinaus das ungute Gefühl zu beschleichen, die Welt wie wir sie kennen, laufe mächtig aus dem Ruder. Wie sonst erklärt sich diese bange Frage von Country-Legende Reba McEntire in der Single „Back to God“ von ihrem letzten Album „Sing it Now: Songs of Faith and Hope“: „Hast du in diesen dunkelsten Tagen auch Angst davor, dass es längst zu spät ist?“. Nur um im Refrain sofort hinterher zu schicken, dass es höchste Zeit ist, vom hohen Ross abzusteigen und einen ratsuchenden Kniefall zu versuchen. In der Hoffnung, dass Gott nicht gleichermaßen die Hoffnung verloren hat und wir mit seiner Hilfe und Jesus’ Worten einen (ge-)rechte(r)en Weg einschlagen können.

Das begleitende Video unterstreicht McEntires Bekenntnis zum friedlichen Zusammenleben aller Hautfarben und Nationalitäten denkbar plakativ, in dem in einer Kirchenbank ein schwarzer Gottesdienstbesucher neben einem weißen Cop platziert ist. In Zeiten von Ferguson und Baltimore ein leider geradezu radikaler Akt. Und mutig, denn wesentliche Teile ihrer Fan-Basis dürften exakt jenen Milieus entstammen, in denen man sich mehr und mehr vom Wort „gemeinsam“ abwendet und Differenzen zu Mauern in den Köpfen verhärten lässt.

Ashes (aus „Deadpool 2“) – Céline Dion

„’Cause I’ve been shaking
I’ve been bending backwards till I’m broke
Watching all these dreams go up in smoke
Let beauty come out of ashes
Let beauty come out of ashes
And when I pray to God all I ask is
Can beauty come out of ashes?“

Die vermutlich rund um den Globus beliebteste Mainstream-Diva und einen der schrägsten Comicfilme der letzten Jahre in einem Satz zu erwähnen fällt zunächst schwer. Die Dion und „Deadpool 2“, das klingt nach Satire. Bis die zweifellos perfekteste Popstimme der letzten 30 Jahre nach wenigen Klaviertakten ihre herzzereißende Wehklage anstimmt und Schauer ihren Weg über den Rücken des Zuhörers suchen. Kann aus Asche wieder Schönheit aufsteigen, wird aus Verzweiflung je wieder Triumph, „löschen Tränen das lodernde Seelenfeuer“? Reichlich Tiefgang für ein Superhelden-Abenteuer und so schlicht wie gefühlvoll interpretiert von einer Frau, die von ihrer eigenen Krise, dem Tod ihres Mannes, in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Gut nachzuhören in dem autobiografischen Titel „Recovering“, den Pink für Celine Dion schrieb. Und im Gegensatz zum Leinwandhelden in „Ashes“ ist ihr das Comeback, der Aufstieg aus den Trümmern weitgehend geglückt.

From This Moment On [Live] – Shania Twain

„From this moment, as long as I live
I will love you, I promise you this
There is nothing, I wouldn’t give
From this moment on“

Wenn es eine universelle Botschaft aller Religionen gibt, und eine Botschaft, die Jesus wichtiger war als alle anderen, dann diese: „Liebe!“. Dich selbst, deinen Nächsten, alle Wesen und die Welt. Punkt. Und mit „From This Moment on“ glückte Shania Twain schon vor Jahren einer der schönsten love songs der Popgeschichte. Einfache lyrics, ein beruhigend harmonischer Melodiebogen, wunderschön. Das Live-Video, aufgenommen während Twains monatelang laufendem Show-Spektakel in Las Vegas macht den Augen- und Ohrenschmaus komplett, Balsam für YouTube-überreizte Sinne. Ein weiterer beseelender Tipp: „Still the One“.

Granted – Josh Groban

„Have you ever felt it could all go away
If you blink
If you never stop running you won’t fall behind
So you think
And you wonder in your heart
If you’re still not who you are
Who are you?
Nothing’s as it seems till it all falls apart“

Der brünette Bariton Josh Groban hat sich schon oft religiös angehauchtem Liedgut zugewandt, beispielsweise „The Prayer“ im Duett mit Céline Dion, „You Raise Me Up“ oder „To Where You Are“. Der track „Granted“ von Grobans neuem Album „Bridges“ – noch ein Künstler, der genug hat vom zornigen „Wir gegen die“-Gefasel seines Präsidenten – steht diesen eingängigen Dauerhits in keinster Weise nach. Das Arrangement ist hymnisch, abwechslungsreich, von intimen Momenten bis zum orchestralen Surround-Füllhorn. Der Text lenkt den Fokus weniger auf Kreuz und Glaube als viel mehr auf die große (Entscheidungs-)Kraft, die in jedem von uns steckt, und die Dankbarkeit für jeden Atemzug, die jeder kultivieren sollte. „If you have a dream, go chase it […] And never take a single breath for granted“. Sein warmes Timbre wechselt hierbei öfter als sonst mit einer sanften, übergangslos anklingenden Kopfstimme, einflüsternd, eindringlich, wie der Rat eines guten Freundes.

Fotos: Edward Cisneros / Unsplash

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