Tschüss Berlin! Hallo Kloster! Wie ich buddhistische Nonne wurde

Ich bin in Ostberlin geboren. Als ich sechs Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Danach war meine Mutter mit mir und meinen drei Geschwistern völlig überfordert. Die Lehrer in der Schule meldeten der Kinder- und Jugendhilfe, dass ich offensichtlich nicht gut versorgt wurde, und ich kam für vier Jahre in ein sozialistisches Kinderheim nach Berlin-Hohenschönhausen. Das war eine ziemlich intensive Zeit, die mich sehr ängstlich gegenüber meiner Umwelt machte. Schon mit zehn fiel mir auf, dass die anderen Kinder in meiner Klasse viel glücklicher wirkten als ich. Das machte mich nachdenklich. Kurz nach der Wende, ich war gerade elf geworden, zog ich zurück zu meiner Mutter, die in der Zwischenzeit zwei weitere Kinder im Babyalter hatte. Sie wurde schwer krank, und so musste ich als so junges Mädchen die Rolle einer Fürsorgerin übernehmen. Eine tiefgründige Erfahrung, auch weil der Freund meiner Mutter mich schlug.

Spirituelle Suche

Mit 15 hielten eine gute Freundin und ich in Berlin nach einer religiösen Gemeinschaft Ausschau, verwirrt von den Problemen in unseren Familien. Ich habe mich damals ziemlich allein und eingeengt gefühlt, suchte nach einer Zuflucht vor meinen seelischen Schmerzen. Bis dahin hatte ich keinerlei Kontakt mit einer Glaubensrichtung gehabt. Meine Eltern hatten keine Religion, waren aber auch keine waschechten Sozialisten. Nur das Christentum kannte ich, zumindest dem Namen nach. Auf eigenen Wunsch kehrt ich in eine staatliche Einrichtung zurück, um in Ruhe mein Abitur machen zu können. Meine Suche nach einer Religion ging derweil weiter. Ich fing sogar mit Sufi-Tanz an, keine Ahnung warum. Mit den christlichen Gemeinschaften hatte ich allerdings so meine Probleme. Ich verstand und fühlte dieses „Gott-System“ einfach nicht. Das Zusammentreffen mit vielen jungen Menschen gefiel mir dagegen sehr, das hatte ich in der Gesellschaft so bisher nicht erlebt.

Buddhismus und der Dalai Lama

Mit 20 hörte ich vom Zen-Buddhismus. In den langen, ruhigen Meditationssitzungen habe ich dann zum ersten Mal eine stabile Basis gefunden, verlässlichen Boden unter meinen Füßen. Mittlerweile hatte ich angefangen, an der Humboldt-Universität in Berlin zu studieren: Soziologie und Politologie. Die Vorlesungen waren leider extrem trocken, mir fehlten dabei echte Emotionen. Als ich dann ein Buch des Dalai-Lama in die Finger bekam, in dem er über eine Politik des Mitgefühls sprach, war ich hin und weg. Diesen Geist wollte ich unbedingt in mein Studium integrieren. Neben dem Buddhismus hat mich Mahatma Gandhis gewaltfreier Weg unheimlich inspiriert. Also bin ich mit einer Studiengruppe nach Delhi gereist und habe die Gandhi Peace Foundation besucht. Wir sind in die Slums gegangen, haben uns mit den Bewohnern unterhalten, auch mit den „Unberührbaren“, die tief im Dschungel hausen müssen. Danach sind wir weiter nach Japan geflogen. Ich war fasziniert von dem religiösen Einfluss auf das alltägliche Leben. Und mich hat begeistert, wie respektvoll die Menschen miteinander umgingen. Nach meinem Abschluss bin ich ein zweites Mal dorthin gereist und habe bei Freunden gelebt. Ich wollte wissen, was die Japaner antreibt, warum ich mit ihnen auf einer Wellenlänge war. Damals dachte ich erstmals darüber nach, Nonne zu werden.

Der Weg ins Kloster

Also verbrachte ich einige Monate in einem Zen-Kloster. Das tägliche Meditieren empfand ich weiterhin als Medizin, doch ich wollte mehr darüber erfahren, wie ich meinen Geist umwandeln könnte. Im tibetischen Buddhismus lernte ich zusätzlich, wie man Mitgefühl und liebende Güte entwickelt. Ich flog zurück nach Berlin. Dort lebte ich einige Zeit in einer Partnerschaft. Mein Freund war interessiert am Buddhismus, ging mit mir zur Meditation und zu Vorträgen des Dalai-Lama. Mein Problem: Nur Laien-Buddhist zu sein, war mir nicht genug. Ich wollte morgens aufstehen und in Ruhe sitzen, über die Lehren nachdenken und mein Bewusstsein schulen. Das sollte mein Leben werden, und davon wollte ich mich von nichts ablenken lassen. Keiner Karriere, keiner Heirat, keinem Kind. Ich trennte mich von meinem Freund und ging nach Hamburg. Von 2007 bis 2011 studierte und arbeitete ich am Tibetischen Zentrum. Leider lebten die Nonnen dort nicht in einer richtigen Gemeinschaft zusammen, trafen einander nur gelegentlich zu Zeremonien. Eine der Nonnen nahm mich unter ihre Fittiche und schlug mir andere Orte vor, an denen ich ein klösterliches Leben und die Nonnenregeln erlernen könne. In Indien, Australien,Italien – und in den USA. Meine Entscheidung fiel auf Sravasti Abbey, weil mit der Äbtissin Venerable Thubten Chodron hier dauerhaft eine Lehrerin und erfahrene Nonne vor Ort sein würde, um mich und andere junge Novizinnen bei der Ausbildung zu unterstützen.

Ordination in Sravasti Abbey

2010 kam ich für einen dreiwöchigen Probeaufenthalt nach Newport, Washington. Das „Exploring Monastic Life“-Programm hat mich vom ersten Tag an inspiriert. Und überrascht. Ich konnte zunächst gar nicht glauben, dass die Nonnen nur von Lebensmittel-Spenden lebten und kein eigenes Geld hatten. Die Nonnen, die ich in Deutschland kennengelernt hatte, bekamen ein kleines Taschengeld, kauften selbst ein und mussten Miete zahlen. Ein Jahr nach dem ersten Aufenthalt kehrte ich nach Newport zurück. Doch erst nachdem ich dank der Unterstützung einer Freundin in der Heimat meine Studienschulden zurückgezahlt hatte. Diese Hilfe anzunehmen, fiel mir extrem schwer.

Nach knapp zwei Jahren Training bin ich in der Sravasti Abbey ordiniert worden – der schönste Tag meines ganzen Lebens. Die Ordination begann mit einer Kopfrasur. Dann legte ich meine normale Kleidung ab und bekam eine rote Robe. Es folgte eine zweistündige Zeremonie, bei der ich mich dem Leben einer Nonne verpflichtete, ohne Familie und Sexualität. Gleichzeitig versprach ich, meiner Lehrerin zu folgen.

Als ich die Gelübde empfangen habe, weinte ich vor Freude. Dieses bewusste Loslassen von allen bisherigen Sorgen. Ein Moment voller Hoffnung und Zuversicht in meinen neuen Weg. Natürlich wusste ich noch nicht, was das im Detail bedeuten und wie schwierig der Prozess des Loslassens sein würde. Doch mich motivierte das große Ziel der Selbstbefreiung. Ich wollte anderen helfen und damit zu einer besseren Welt beitragen. Einer Welt, die von Liebe und Zuneigung getragen ist. Also das komplette Gegenteil von dem, was ich in meiner Familie erlebt habe.

Das neue Leben als Nonne

Anfangs war es eine Herausforderung, mich in die Rolle der „Baby-Nonne“ hineinzufinden. Ich hatte schließlich schon acht Jahre Berufserfahrung als Event Manager und Fundraiser gesammelt und sehnte mich nach mehr Verantwortung. Unsere Äbtissin meinte nur: „Genieß diese Zeit, die Verantwortung kommt früh genug.“ Und auch beim Zuschauen lernt man viel.

Heute klingelt mein Wecker um 4.45 Uhr. Dann bereite ich mich für den Tag vor, lege die Robe an und richte meinen Geist auf eine positive Motivation, darauf, dass ich ein ethisches Leben führen, niemandem Schaden zufügen und die Erleuchtung erlangenmöchte. Von Zeit zu Zeit habe ich Tempeldienst. Dabei reinige ich den Altar und bringe symbolische Opfergaben dar, ehe die anderen Nonnen kommen und wir um halb sechs gemeinsam mit der Morgenmeditation beginnen. Früher dachte ich nach dem Aufwachen: „Jetzt brauche ich einen Tee.“ Ganz auf mich allein fokussiert. Die Arbeit für die Gemeinschaft ist viel erfüllender und macht mich glücklich. Natürlich möchte ich noch immer einen Tee, aber der Dienst lenkt mich ab und hilft mir, an diesem Hindernis zu arbeiten. Von 7.30 bis 8 Uhr gibt es Frühstück. Dann folgt ein kurzes Meeting für die Tagesplanung.

Zusammen mit einer älteren Nonne bin ich für unsere Gäste verantwortlich. Wir ermutigen sie, an unseren diversen Projekten teilzunehmen. Wir arbeiten in dem umliegenden Wald, um ihn vor Feuer zu schützen und gesund zu halten. Wir reparieren und sanieren die Gebäude, transkribieren und übersetzen Dharma-Texte. Das alles koordiniere ich bis um 12 Uhr, bis zur lunch break. Nach einer kurzen Pause wird bis 16.30 Uhr weitergearbeitet. Wir nennen das „Offering Service“, denn wir ehren damit die Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha). Bis 18 Uhr ist Studienzeit, dann gibt es Abendessen. Ich nehme immer nur ein kleines „Medicine Meal“ ein, da Nonnen nach dem Mittag eigentlich nicht mehr essen dürfen. Wenn wir körperlich geschwächt sind oder tagsüber besonders hart gearbeitet haben, gibt es natürlich eine Ausnahme. Danach folgt eine einstündige Abendmeditation, und bis circa 22 Uhr geht jeder seinen Studien nach. Im Winter machen wir ein dreimonatiges Schweige-Retreat.

Herausforderungen

Manchmal hadere ich noch mit der englischen Sprache, auch würde ich mir ab und an wünschen, meinen Alltag selbst strukturieren zu können, ein freies Wochenende zu haben, mal zwei Tage in Klausur zu gehen oder einfach nachmittags entspannt ein Buch zu lesen. Aber das tägliche Training hilft mir, alle Zweifel zu überstehen und den Wert der Gemeinschaft schätzen zu lernen, die mich trägt. Die älteren Nonnen haben mich sehr unterstützt, negative Geisteszustände wie Ärger umzuwandeln. Sie merken, wenn etwas nicht stimmt, und bieten ihre Hilfe an. Vorbilder und Erfahrungen sind für das Erlernen der Gelübde wichtig. Bücher allein ändern kein Leben.

Fotos: Siems Luckwaldt (3); Sravasti Abbey (1)