Kolumne: … schon immer so gemacht

Wer sich als veränderungswillig outet, muss sich oft dort rechtfertigen, wo Zuspruch garantiert sein sollte



Ja, aber … Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich diese Einwandfloskel in den letzten drei Jahren gehört habe. Meist von Menschen in meinem Leben, die mir sicherlich keine Steine in den Weg legen oder Bedenken schüren wollen. Und es auf unbewusst perfide Weise eben doch tun. Denn natürlich registriert (und kommentiert) das persönliche Umfeld, wenn man abrupte Kursänderungen in der eigenen Karriere vornimmt. „Hast du dir das mit der Selbstständigkeit auch gut überlegt? Bei Starbucks suchen sie gerade …“ Wenn in 18 Monaten ebenso viele Kilos verschwinden. „Du siehst so ausgezehrt aus.“ Wenn man für sechs Monate die Zelte in Deutschland abbricht und 23.000 Kilometer Freiheit on the road tankt. „Und wie wollt ihr hinterher weitermachen???“ Aus Smalltalk wird ein Minenfeld. Und die satirisch begabte Seite des Unterbewusstseins frotzelt, dass Homosexualität heute gegenüber Veganismus das kleinere Übel für die Altvorederen zu sein scheint.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht ja bei solchen Diskussionen gar nicht um einen verbissenen Clash of Lifestyles, das moralische Aufwiegen verschiedener Ernährungsformen und politische Bewerten des jeweiligen Kaufverhalten. Und auch nicht primär um den berüchtigten carbon footprint und die Frage, wer den kleinsten hat. Doch selbst ohne erhobenen Zeigefinger fährt manches Gegenüber die Abwehr auf, sobald man von geänderten Gewohnheiten berichtet. Reflexartig wird sofort nach dem Haar in der Bio-Suppe gesucht. Bei Öko-Bauern wäre auch nicht alles so rosig wie deren Ferkelchen. „Da stand doch kürzlich irgendwo irgendwas …“ Schwärmt man vom herrlich geschlauchten Gefühl nach einem strammen Programm im Gym oder einer fordernden Yoga-Stunde, folgt prompt: „Soll ja gar nicht so gut sein. Sagt man.“ Wo auch immer.

Gezieltes Nachfragen erbringt vage Anekdoten. Etwa von der Freundin, die sich in einer Hatha-Stunde wohl mal die Bandscheiben verletzt hat. Irgendwie. Vielleicht auch beim Colakisten-aus-dem-Kombi-Hieven. Von dem Bekannten, dem bei einer Detox-Kur schwarz vor Augen wurde usw. Schon steht der (nicht wirklich) alternative Lebensstil am Pranger, wird zumindest aber stirnrunzelnd als „auch keine Lösung“ abgetan. Fatalismus statt Freude am Einfach-anders-Leben.

Dabei geht es uns Change-Willigen doch überhaupt nicht um missionarische Vorträge, in deren inbrünstigem Finale sich alle Zuhörer bekehrt und beseelt auf den Boden werfen und „Shanti Shanti“ singen. Kritisches Hinterfragen und behutsames Überprüfen, ob ein neuer Impuls unserem Körper und Geist gut tut, bleibt definitiv unsere oberste Pflicht. Nur sehe ich einen feinen, aber bedeutenden Unterschied zwischen einer gesunden Skepsis gegenüber veganer Kost, Sonnengruß, Fair-Trade-Versprechen, Nahrungsergänzungsmitteln oder spirituellen Lehren – und der als Kritik getarnten Ablehnung im Affekt. Schwierig ist nicht, dass der andere mit seinem Leben zufrieden genug ist und Veränderungen eher als störend denn bereichernd empfindet. Whatever floats your boat, sagt man in den USA, was immer dich glücklich macht.

Wer aber den Neuland-Betreter gleich zu Beginn nicht unterstützen sondern gleich zum Umkehren, Aufgeben bewegen will, in jeder Abweichung von der bloß theoretisch existenten Norm potentielle Gefahren sieht, riskiert unter Umständen seine Beziehung zu dem Aufbrechenden. Solch ängstliche Vollkasko-Programme laufen leider in zu vielen Gehirnen schon viel zu lange ab. Lieber lande ich außerhalb meiner comfort zone mal so richtig schön in einer Sackgasse, gelange an meine eigenen Grenzen und muss den Rückzug antreten. Dann hat man der „Das haben wir schon immer so gemacht“-Clique wenigstens was zu erzählen, wenn man sie wiedertrifft. Im indischen Ashram oder in der Doppelhaushälfte.

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