Kein Panik, bitte! Das Milliardengeschäft mit der Angst

Angst gehört zu den Urinstinkten aller Lebewesen. Sie ist eine natürliche Reaktion auf Gefahrensituationen und für das Überleben durchaus sinnvoll. Doch was tun, wenn die Angst anfängt, Einfluss auf unseren Alltag zu nehmen? Antworten gibt das neue Buch „Panikmache“



Diesen Fragen geht der deutsche „Spiegel“-Journalist Jörg Schindler in seinem neuen Buch „Panikmache“ (erschienen bei Fischer) nach. Es sind die aktuellen politischen Themen, die den Deutschen Angst machen: Terroranschläge, gewaltbereite Extremisten, die Flüchtlingskrise und die Einwanderungspolitik lassen viele von uns nachts nicht ruhig schlafen. Doch laut Schindler „klaffen die gefühlte und die tatsächliche Bedrohungslage weit auseinander“. Wir nehmen die äußeren Bedrohungen immer extremer wahr, obwohl die Kriminalitätsstatistiken weiter rückläufig sind. Schindler führt hier das Beispiel Mord an: Im Jahr 2000 wurden in Deutschland noch 497 Menschen getötet, fünf Jahre später waren es noch 413, 2014 sogar nur 298 Menschen, die einem Gewaltverbrechens zum Opfer fielen. Und trotzdem wächst die Angst vor Kriminalität weiter.

In „Panikmache“ durchleuchtet Schindler die Zusammenhänge zwischen unserem wachsenden Bedürfnis nach Sicherheit und der „Angstindustrie“, zwischen staatlicher und kommerzieller Überwachung, zwischen der vierten und der erstarkenden fünften Gewalt. Schindler kommt dabei stets auf den (wunden) Punkt: Schnörkellos und ohne Umschweife benennt und analysiert er Gründe für eine immer ängstlicher werdende Gesellschaft, deren Paranoia durch die moderne Medienlandschaft nur zu gern befeuert wird.

Dass Angst krank machen kann, ist bekannt. Neben Depressionen wird keine andere psychische Störung häufiger diagnostiziert. Laut einer Studie der Deutschen Depressionshilfe sind derzeit circa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren an einer behandlungsdürftigen Depression erkrankt, das entspricht 3,1 Millionen Betroffenen. Schätzungen zufolge leidet etwa jeder vierte Mensch mindestens einmal in seinem Leben an einer Angststörung. Diese treten selten in reiner Form auf, sondern häufig in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen wie eben Depressionen.

Unsere paradoxe Gegenwart
Schindler sucht nach Ursachen für diesen alarmierenden Zustand und begibt sich auf Spurensuche. Dabei zeichnet er ein von Widersprüchen geprägtes Gesamtbildnis der deutschen Gesellschaft. Denn Fakt ist: Hier in Deutschland leben wir so sicher wie lange nicht. Seit über 70 Jahren herrscht in unserem Land kein Krieg mehr, Elend wie Hunger oder auch bitterste Armut kennen die meisten Bürger nur aus Erzählungen und den Medien. Dennoch hat jeder vierte Deutsche materielle Sorgen, die schnell zu existenzielle Ängste anwachsen.

Die Furcht vor Arbeitslosigkeit oder dem sozialen Abstieg ist gerade in der Mittelschicht tief verwurzelt. Schindler verwendet hier den Terminus „Status-Angst“, also die Angst vor dem Statusverlust. Demnach steigt das Sicherheitsbedürfnis mit wachsendem Wohlstand. Die Deutschen fürchten sich vor dem sozialen Absturz, davor, dass hart erkämpfte Niveau nicht halten zu können. Hinzu kommt, dass der soziale Zusammenhalt rapide schwindet. Der Mensch ist durch das Erleben politischer Machtlosigkeit, dem wachsenden Konkurrenz- und Leistungsdruck und Ungleichheit zutiefst verunsichert. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der es zu einem Normalzustand geworden ist, besorgt, traurig und unzufrieden zu sein“, sagt Schindler.

Die Angstindustrie
Besonders die Medien, vor allem die sozialen wie Facebook oder Twitter, tragen einen erheblichen Teil zur „Panikmache“ bei. Denn durch sie erleben wir jede Katastrophe, sei es ein Terroranschlag, ein Amoklauf oder ein Zugunglück, quasi hautnah. Von den Medien ist dies eiskaltes Kalkül. Schlechte Nachrichten verkaufen sich nunmal besser, mit der Angst wird Geld verdient, sie wird, wie Schindler es ganz passend bezeichnet, zum „Big Business“. Ein wichtiger Begriff, auf den Schindler wieder und wieder zu sprechen kommt, ist der der „Angstindustrie“.

Die „Angstindustrie“ beschäftigt sich mit dem Phänomenen, aus den Ängsten der Menschen Kapital zu schlagen, darüber hinaus bezeichnet sie den Prozess, das Ängste durch die Medien irrational hochgespielt werden. Erklärungsansatz bietet der immer höher werdenden Konkurrenzdruck innerhalb der Medien, eine Zeitung muss möglichst viele Menschen erreichen und dies gelingt ihr am besten durch solche Nachrichten, die dem Leser Bedrohung vermitteln.

Die „Angstindustrie“ führt dazu, dass wir Risiken maßlos überschätzen, die Riesenschlagzeilen verunsichern uns, Panik, Hysterie und Aktionismus sind die Folge. Für Schindler ist es demnach kein Wunder, dass Gruppierungen wie Pegida oder auch Parteien wie die AfD immer mehr Anhänger gewinnen. Sie nähren sich ganz bewusst von den Ängsten der Menschen, dahinter verbirgt sich simple Psychologie.

Der Journalist geht auch auf die brisante Thematik der Verschwörungstheorien ausführlich ein, schildert, wie sich diese über das Netz rasant verbreiten mit der Folge, dass der Rezipient nun nicht mehr weiß, was er glauben, wem er noch trauen kann. Aus diesem Misstrauen und der Verunsicherung wächst dann schnell die Angst. Weitere Folgen sind ein extremes Streben nach Sicherheit, nach einem Volkasko-Leben. Da Terrorismus, Seuchen oder auch der Klimawandel nur schwer zu beeinflussende Faktoren sind, versuchen die Bürger, wenigstens ihr Sachvermögen zu schützen, indem sie viel Geld für viel zu teure und oft auch unnütze Versicherungen ausgeben.

Die Rolle der Medien
Schindler beschäftigt sich in weiten Teilen des Buches intensiv mit der Rolle der Medien in diesem komplexen Konstrukt aus Lügen, Verschwörungen, Machtspielen und Geldschinderei. In unseren modernen Zeiten gingen Journalisten zu oft konform mit den Mächtigen, die sie eigentlich als vierte Gewalt kontrollieren sollten. Schindler weist in diesem Zusammenhang auf die sogenannte fünfte Gewalt hin. Diese besteht aus den vernetzten Vielen des digitalen Zeitalters, der crowd, deren Plattform das Internet ist, über das jeder seine Meinung publizieren kan. In Sekundenschnelle, ohne großen Aufwand. Mit dieser durchaus segenreichen Infrastruktur greift die fünfte Gewalt jedoch gleichzeitig massiv in die Wirkungsmechanismen des klassischen Journalismus ein, erklärt Schindler, und er beruft sich dabei u. a. auf die Arbeit des Hamburger Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen.

Dieser Prozess, also die Übernahme des Diskurses durch Posts, Tweets und Kommentare, kann die Demokratie ernsthaft gefährden, denn eine intakte Volksherrschaft lebt nicht zuletzt vom Grundvertrauen der Menschen in ihre Informationsmedien. Durch das verstärkte Auftreten der crowd als deren legitime Nachfolgerin wird dieses Grundvertrauen jedoch Schritt für Schritt erodiert. Und genau hier sieht Schindler die Gefahr: Der herkömmliche Journalismus passt sich den Gegebenheiten der fünften Gewalt an, anstatt sich zu distanzieren und weiterhin nachdenklich, sorgfältig recherchiert und fundiert zu sein. Stattdessen baut auch er immer mehr auf dramatische Ereignisse, die die Angst der Bevölkerung stärken, wie Skandale, Katastrophen und Terror. Laut Schindler sind die Medien drauf und dran, „ihre eigene Glaubwürdigkeit mutwillig zu untergraben“. Die sonst in unserem Land so hochgelobte vierte Gewalt, die Presse, scheint entmachtet.

Fazit
Schon das leuchtend orangefarbene Cover mit den großen, schwarzen Lettern macht nervös und unruhig. Irgendwie ahnt man, dass jeder von uns gelegentlich ein ungerechtfertigtes „P“ in der Pupille hat, scheinbare Gefahren fürchtet, dumpfer Desinformation aufsitzt. Der Stoff aus Schindlers im besten Sinne anspruchsvollem Buch trifft daher den Zeitgeist und die öffentlcuhe Diskussion punktgenau. Wenn der Begriff nicht so belastet wäre, könnte man von „brandaktuell“ sprechen.

Trotz großer Recherchetiefe und ganzen Kapiteln voller Hintergrundwissen nimmt Schindler den Leser mit durch die echten und die überzogenen Gefahren und die Mechaniken der Angstindurstrie. „Panikmache“ ist somit empfehlenswert für alle, die sich durch einen Fachmann auf den Gebieten Terrorismus und Innere Sicherheit und eben nicht länger verrückt machen lassen wollen.

Jörg Schindler, geboren 1968 in Darmstadt, absolvierte zunächst ein Studium der Germanistik, Anglistik und Soziologie an den Universitäten Frankfurt am Main und Edinburgh in Schottland. Danach folgten Jobs als Journalist, unter anderem bei der „Frankfurter Rundschau“ und „Der Spiegel“. Beim „Spiegel“ betreut Schindler die Ressorts Terrorismus und Innere Sicherheit. Schindler wurde für seinen investigativen Journalismus schon mit mehreren Preisen ausgezeichnet, so gewannen er und seine Kollegen 2014 für die Arbeiten zur NSA-Affäre den Henri-Nannen-Preis.

Text: Sophie Martin; Foto: Fischer Verlag

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