Digital Love: Tinder & Co. machen aus Menschen Spielzeuge für den Zeitvertreib

Würde er heute geschrieben, Márquez hätte seinen Bestseller vermutlich „Liebe in den Zeiten von Facebook“ genannt. Nie zuvor hat Technik unsere intimsten Momente so deutlich verändert



Wenn Nico Maler* seine Mittagspause macht, dann verbringt er sie nicht in Begleitung von Kollegen oder einer Freundin, sondern mit seinem silberfarbenen Smartphone. Der 29-jährige Münchner ist Unternehmensberater. Und Single. Nico ist einer dieser gut aussehenden Young-Urban-Professionals, drahtig, topfrisiert, immer bester Laune. Nur Zeit, um eine potenzielle Partnerin kennenzulernen, ist in seinem Leben Mangelware. Deshalb nutzt er Tinder. Die Dating-App findet Nico „genial“. Sie schlägt ihm im Minutentakt alleinstehende Frauen aus seiner GPS-Umgebung vor. „Nach nur fünf Wochen über 100 Frauen kennenzulernen“, lacht er, „besser geht’s doch gar nicht.“

Selbst auf der Toilette geht Nico rasch auf Brautschau, gibt er zu. Digitale Romantik. Irgendwie. Mit den Einstellungen der App lassen sich die gewünschte Maximalentfernung und das Alter der Damen wählen. „Nicht mein Typ … Die auch nicht … Oh, die ist aber hübsch!“ Er blättert durch das Angebot der App wie durch den Werbeprospekt vom Discounter. Blondinen aus Schwabing, jetzt nur 1,99 Euro. Wundern würde einen so ein Pop-up-Fenster nicht. Zum Dessert dann ein letzter kurzer Check. Könnte ja sein, dass ihm der Tinder-Algorithmus gerade jetzt die Frau seiner Träume herausgepickt hat. Nö. Aber: vielleicht später.

Nico folgt bei seiner Hightech-Partnerwahl Impulsen, die wir so ähnlich auch beim Shopping, in Videospielen oder auf Facebook gesetzt bekommen. Drei, vier Bilder von datingwilligen Damen anschauen und auf das Herzsymbol tippen. Drückt sie dann auf dasselbe Symbol, kommt es bei Tinder zu einem „Match“. Zwei Menschen finden sich nun dank geradezu amtlichem Emoji gegenseitig „attraktiv“. Ding-ding-ding.

Zu Hause, nach einem stressigen Tag im Job, betritt Nico erneut und gleich für einige Stunden die Singlebar in seinem Smartphone. Immer geöffnet, immer Happy Hour. Vielleicht kommt es nach dem Laden einiger Megabytes, neuer Fotos und Userinnen doch noch zu einem weiteren seiner speziellen Online-Dates. Ein letzter Check findet im Bett statt, bevor der leere Akku das Displaylicht endgültig erlöschen lässt. Ob eine neue Tinder-Bekanntschaft wirklich zu ihm passt, sagt Nico, dass könne er spätestens nach einem Chat beurteilen. Für gewöhnlich wischt er die Frauen binnen Sekunden vom Bildschirm. Next, please! Wie in einer Casting-Show, nur dass keine der Kandidatinnen wenigstens eines ihrer Talente demonstrieren, um die Jury-Gunst ringen durfte. Eine Einladung zum Recall? Keine Chance. Schließlich sind rein demografisch die Männer in der Unterzahl, das Angebot beherrscht also die Nachfrage.

Nur leider offenbaren Menschen ihren Charakter, ihr Wesen, ihren USP nicht so schnell wie ein neuer Toaster oder eine Jeans. Indem Nico Frauen wie ein Produkt sortiert, kategorisiert und lautlos abserviert, lernt er sie eben nicht mehr kennen. Er vertraut ganz auf seinen flüchtigen Blick auf die Verpackung. Wisch. Wir stellen überhaupt heute mühelos Kontakte zu Menschen in allen Ecken des Globus her, die jedoch weitgehend unverbindlich bleiben, austauschbar werden. Next, next, next.

Das digitale Zeitalter mit seinen neuen Funktionsweisen und Bedingungen für zwischenmenschliche Beziehungen verändert unser Liebesleben von Kopf bis Fuß. Brautschau, Kennenlernen und Zusammensein vollziehen sich immer weniger im realen, sondern dem virtuellen Leben im Internet. Und sogar der Akt an sich findet über das Netz statt. 12,5
Prozent der Webseitenaufrufe entfallen heute dabei auf Angebote mit „Erwachsenen-Inhalten“. Bereits jeder zweite 13-Jährige konsumiert online regelmäßig Sexvideos. Eine der Folgen sind 500.000 Pornosüchtige, die inzwischen in Deutschland gezählt werden.

Nicht immer geht es bei den Millionen von einsam Suchenden, von Streunern, Abenteurern oder einfach nur Menschen mit wenig Gelegenheiten beim Digital Love um schnellen Sex – allen Vorurteilen zum Trotz. Ganz im Gegenteil: Die Mehrheit der Deutschen, die Dating-Apps
nutzen, hofft auf eine feste Beziehung.

Elf Millionen sollen es sein, die sich nach Branchenschätzungen hierzulande regelmäßig auf Dating-Portalen nach einem Partner umsehen.
Wenn die Portalnutzer dabei verstärkt auf äußere Reize anspringen, ändert das laut Harvard-Professor und Online-Dating-Experte Michael Norton nichts daran, dass die meisten letztlich eine langfristige Partnerschaft anstreben. Das Ergebnis, so eine Studie des Oxford Internet Institute: 30 Prozent der Paare in westlich geprägten Ländern lernen sich derzeit über Online-Dating kennen […]

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*zufälliger Name
Bild: istock.com/Valery Kachaev